Expertenrat: „Dosieren Sie Heilpflanzen vorsichtig“
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Expertenrat: „Dosieren Sie Heilpflanzen vorsichtig“

„Es sind doch Pflanzen, da passiert schon nichts.“ Von wegen. Wie falsch dieses Argument im Zusammenhang mit Heilpflanzen ist, weiß Diplom-Ökotrophologin Brigitte Neumann. Die Ernährungswissenschaftlerin rät, mit Heilkräutern vorsichtig umzugehen. „Viel hilft nicht viel“, warnt sie im Interview mit Gelbe Seiten. 

Gelbe Seiten: Wann können Heilpflanzen für die Gesundheit kritisch werden?

Brigitte Neumann: Jede Pflanze mit Heilwirkung hat auch Nebenwirkungen. Kritisch können sie dann werden, wenn sie ohne fachkundiges Wissen in hoher Dosierung angewendet werden. Wer Heilpflanzen verwenden möchte, sollte sich zuvor von einem Arzt oder Apotheker beraten lassen – sowohl was die Dosierung angeht als auch in Hinblick auf die Dauer der Anwendung. Außerdem müssen Medikamente berücksichtigt werden, die man bereits einnimmt. Hier sind Wechselwirkungen möglich. Johanniskraut etwa kann die Wirkung der Pille schmälern. Pfefferminze hemmt die Wirkung homöopathischer Medikamente. Menschen mit chronischen Vorerkrankungen, insbesondere Erkrankungen der Leber, der Niere, der Bauchspeicheldrüse – aber auch Menschen mit Diabetes und diversen Erkrankungen des Immunsystems, sollten Heilkräuter immer nur in Absprache mit einem Arzt einnehmen und sich auf keinen Fall selbst behandeln.

Gelbe Seiten: Heilkräuter-Tees kommen als Hausmittel besonders oft zur Anwendung. Muss man auch zum Arzt, bevor man sie trinken darf?

Brigitte Neumann: Das kommt ganz auf die Pflanze an. Die gängigen Heilkräuter im Tee, die in Drogerien und Supermärkten erhältlich sind, wie

  • Minze zur Erfrischung,
  • Melisse zur Entspannung,
  • Brennnessel für die Entwässerung,
  • Hagebutte für die Stärkung des Immunsystems,
  • Salbei zur Immunstärkung und Desinfektion bei grippalen Infekten,
  • Thymian bei Bronchialkatarrhen,

können auch in größeren Mengen – ein Liter am Tag – getrunken werden. Den Tee mit heißem Wasser übergießen und zehn Minuten ziehen lassen. Exotischere Heilpflanzen hingegen, beispielsweise Wermut gegen Magen-Darm-Infekte, sollten aufgrund der Nebenwirkungen nur mit fachkundigem Wissen oder unter fachkundiger Anleitung getrunken werden. Wenn Sie die Heilpflanzen zudem in der Apotheke kaufen, haben sie nicht nur den Vorteil, dass Sie eine gute Beratung haben, sondern können sicher sein, dass die Pflanzen entsprechend den Reinheitsgeboten und Gehaltsvorschriften des Deutschen Arzneibuchs verkauft werden.

Gelbe Seiten: Heilkräuter werden nicht nur in Form von Tee angewendet, sondern oft auch als Gewürz zum Essen gegeben. Wo sind die Unterschiede in der Wirkweise?

Brigitte Neumann: Im Tee werden lediglich die wasserlöslichen Extrakte gelöst. Beim Gewürz hingegen werden alle Wirkstoffe und Pflanzenbestandteile verzehrt. Beim Tee haben Sie den Vorteil, dass Sie den Körper zusätzlich mit Flüssigkeit versorgen. Das ist etwa bei einem grippalen Infekt wichtig. Da sollten die Schleimhäute feucht gehalten werden, um die Abwehrfunktion zu stärken. Kommen die Heilkräuter als Ganzes zum Einsatz, etwa als Gewürz über einen Salat, haben Sie den Vorteil, dass Inhaltsstoffe, die hitzeempfindlich sind, nicht zerstört werden.

Gelbe Seiten: Wie wirksam ist es Tees zu inhalieren? 

Brigitte Neumann: Tee inhalieren befreit die Nase. Wer mit einer verstopften Nase und gereizten Nasenschleimhäuten zu kämpfen hat, kann Kamillen-, Salbei- und Thymiantee auch inhalieren. Bereiten Sie hierfür einen Liter Tee zu, geben Sie ihn in eine Schüssel und atmen Sie die Dämpfe einige Minuten ein. Am besten legen Sie ein Handtuch über den Kopf, damit die Wärme nicht so schnell verloren geht. Die Dämpfe öffnen die Nase und das Sekret kann besser abfließen. Achten Sie aber darauf, dass die Dämpfe nicht zu heiß sind. 

Gelbe Seiten: Welche Heilpflanzen sind für die Hausapotheke besonders empfehlenswert?

Brigitte Neumann: In Ihre Heilpflanzen-Apotheke können Sie eine Vielzahl verschiedener Heilpflanzen aufnehmen.

  • Bei Erkältungen sind Zwiebeln, Knoblauch, Thymian und Salbei gute Helfer. Sie enthalten ätherische Öle, die natürlich gegen Viren und Bakterien helfen.
  • Ein absoluter Geheimtipp bei Husten ist Zwiebel-Thymian-Honig. Hierfür eine Zwiebel klein hacken und zusammen mit einem Teelöffel Thymianblätter in eine Tasse geben. Thymian kann sowohl getrocknet als auch frisch verwendet werden. Mit Honig bedecken und solange stehen lassen, bis dieser flüssig wird. Jede halbe Stunde einen Teelöffel davon langsam im Mund zergehen lassen.
  • Ingwer stärkt das Immunsystem und sorgt dank der enthaltenen Scharfstoffe für ein Plus an Körperwärme. Gegen Schmerzen und Entzündungen hilft Ingwer ebenfalls. Das enthaltene Enzym Cylooxygenase wirkt ähnlich wie Acetylsalicylsäure, haben Studien gezeigt.
  • Minzöl ist bei Kopfschmerzen gut geeignet. Verdünnt auf die Schläfen aufgetragen, kühlt es angenehm und entspannt.
  • Bei Verstauchungen hat sich Arnikaessenz bewährt. Sie wirkt abschwellend und schmerzlindernd.
  • Bei Verdauungsbeschwerden können Sie zu den fünf Ks greifen: Kreuzkümmel, Kurkuma, Koriander, Kümmel und Kardamom.
  • Die Fettverdauung unterstützen Sie mit Beifuß, aber auch Senf. Senf hilft übrigens auch, schwer verdauliches Gemüse wie Paprika bekömmlicher zu machen. 
  • Kamillentee beruhigt den Magen.

Gelbe Seiten: Wann kommen Heilpflanzen an ihre Grenzen?

Brigitte Neumann: Als Faustregel gilt immer: Wenn sich die akuten Beschwerden, seien es ein Infekt, Verdauungsprobleme oder andere Beschwerden, innerhalb von zwei bis drei Tagen nicht bessern oder sogar zunehmen, sollte immer ein Arzt konsultiert werden. Auch wenn das Krankheitsgefühl so stark ausgeprägt ist, dass die betreffende Person das Gefühl hat, sie "muss" zum Arzt, sollte der Arztbesuch anvisiert werden. Dann hilft die Heilpflanzen-Apotheke in den eigenen vier Wänden nicht mehr weiter.

Gelbe Seiten: Vielen Dank für das Gespräch.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

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Autor/-in
Ann-Kathrin Landzettel

Ann-Kathrin Landzettel M. A. ist Gesundheitsjournalistin aus Leidenschaft. Vor allem zwei Fragen treiben die geprüfte Gesundheits- und Präventionsberaterin an: Wie können wir lange gesund bleiben – und wie im Krankheitsfall wieder gesund werden? Antworten findet sie unter anderem im intensiven Austausch mit Ärztinnen und Ärzten sowie in persönlichen Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Seit fast zehn Jahren gibt sie dieses Wissen rund um Gesundheit, Medizin, Ernährung und Fitness an ihre Leserinnen und Leser weiter.

 

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Experte/-in
Brigitte Neumann

Frau Brigitte Neumann ist Diplom-Ökotrophologin und seit 1990 selbständig tätig als Ernährungswissenschaftlerin sowie als Trainerin für das Netzwerk "Gesund ins Leben". Dort betreut sie die Bereiche Kleinkindernährung, Ernährung von Schwangeren und Motivierende Gesprächsführung.

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