Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)?
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Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)?

Die posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, gehört zu den Traumafolgestörungen. Die Entwicklung einer PTBS hat als Ursache ein nicht verarbeitetes Trauma, das als Folge eines traumatisierenden Erlebnisses entstanden ist. Die posttraumatische Belastungsstörung kann noch lange Zeit nach dem traumatisierenden Erlebnis auftreten – zeigt sich meist aber wenige Wochen nach dem Akutereignis. Nicht jeder Mensch entwickelt eine Traumafolgestörung wie eine PTBS. Dennoch ist die PBTS in Deutschland nicht selten.

Wie häufig ist die PTBS in Deutschland?

Schätzungen zufolge erleben etwa zwei Prozent der Deutschen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal eine posttraumatische Belastungsstörung – das sind über 1,5 Millionen Menschen. Ob sich aus einer traumatisierenden Akutsituation eine PTBS entwickelt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig, etwa davon, als wie belastend das Geschehene wahrgenommen wurde und in der Erinnerung wahrgenommen wird, welche Unterstützungs- und Hilfsangebote kurz nach dem Geschehen und später zur Verfügung standen, wie stabil das soziale Netz ist, wie stabil die betroffene Person selbst war und ist sowie davon, ob das Erlebte verarbeitet werden kann.

In Deutschland haben laut der Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen psychischer Traumatisierung“ der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (federführende Fachgesellschaft) zufolge etwa 28 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer in ihrem Leben mindestens ein traumatisches Ereignis erlebt. Frauen erleben häufiger Missbrauch und Vergewaltigung, Männer schwere Unfälle und körperliche Gewalt.

Posttraumatische Belastungsstörung erkennen: Wie zeigt sich die PTBS?

Die posttraumatische Belastungsstörung als Traumafolgestörung ist die psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis, beispielsweise einen schweren Unfall, Krieg, eine Naturkatastrophe, einen Überfall oder das Erleben von körperlicher und seelischer Gewalt. Auch Augenzeugen dramatischer Ereignisse können ein Trauma und damit eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln: Kann das Gehirn das Trauma nicht verarbeiten, besteht das hohe Stresslevel fort und Körper und Psyche befinden sich in anhaltender starker Übererregtheit und Alarmiertheit. Gefühle von Sicherheit, Kontrolle, Selbstwirksamkeit sowie ein stabiles Weltbild gehen verloren. Die Trauma-Symptome können sich verstärken – und eine PTBS kann sich entwickeln.

Posttraumatische Belastungsstörung: vier häufige Symptome

Welche PTBS-Symptome wie lange und in welcher Intensität auftreten, ist individuell unterschiedlich. Auch ist nicht vorhersehbar, wann sich die Symptome der PTBS zeigen. Es ist durchaus möglich, dass diese zu einem späteren Zeitpunkt des Lebens auftreten – wenn das Akutereignis und die Erinnerungen daran vermeintlich bereits aufgearbeitet sind. Ebenso kann ein erneutes Erleben einer traumatisierenden Situation erneut die Erinnerungen des früheren Traumas aktivieren und eine PTBS aufbrechen lassen.

Zu den häufigen Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung gehören:

Wiedererleben: Das Trauma wird in Gedanken immer und immer wieder durchlebt – in Tagträumen, als Albträume oder in Form von Flashbacks (Film vor dem inneren Auge). Die Gefühle und Bilder eines Flashbacks werden von den Betroffenen so intensiv erlebt, als wären sie wieder in der traumatisierenden Situation.

Vermeidungsverhalten: Die Betroffenen meiden Orte, Situationen oder Menschen, die mit dem Trauma in Verbindung stehen oder die das Aufflammen von Erinnerungen triggern. Manche PTBS-Betroffene ziehen sich komplett aus dem Sozialleben zurück – mache werden arbeitsunfähig. Möglich ist zudem, dass das Erlebte verdrängt wird, sodass Teile oder das gesamte Erlebnis vergessen werden. Oft spüren die Betroffenen keinen Zugang mehr zu sich selbst und verlieren das Gefühl ihrer Identität. Sie fühlen sich leer, emotionslos und innerlich wie taub.

Belastende Gedanken/ negative Stimmungen: Gefühle wie Angst, Panik, ständige Alarmiertheit, Kontroll- und Sicherheitsverlust, Ohnmacht und Bedrohungsgefühle begleiten den Alltag. Oftmals kommen Gefühle von Schuld und Scham dazu: „Warum konnte ich nichts tun?“, „Warum bin ich am Leben geblieben und nicht die anderen?“, „Warum ist mir das passiert?“ sind oft quälende Fragen. Das Vertrauen in die eigene Person und in andere Menschen ist erschüttert. Das Selbstwertgefühl ist geschwächt.

Übererregbarkeit: Betroffene einer PTBS sind schreckhaft, extrem wachsam, vorsichtig und in immerwährender Alarmbereitschaft. Sie schlafen schlecht, können sich nur schwer konzentrieren, empfinden oft Wut, Ärger und Hass. Sie reagieren nicht selten gereizt und impulsiv. Körper und Psyche befinden sich nach wie vor in einem Ausnahmezustand. Das Stresslevel bleibt auf einem hohen Niveau. Körperliche Reaktionen sind zum Beispiel Schwindel, Zittern, Herzklopfen, Schwitzen, Atembeschwerden, Engegefühle in der Brust sowie Fluchtimpulse.

PTBS vorbeugen: Wie sich Betroffene bestmöglich schützen

Ein sicheres und unterstützendes Umfeld nach dem Akutereignis ist von großer Bedeutung für die PTBS-Prävention. Die Hilfe kann von nahestehenden Personen kommen, ebenso von professioneller Seite. Die Leitlinie empfiehlt, Menschen, die ein traumatisches Ereignis erlebt haben, in den ersten Stunden bis Tagen psychologische, psychosoziale und psychotherapeutische Maßnahmen anzubieten. Dies gelte insbesondere für ein Erleben eines schweren Unfalls, einer akut lebensbedrohenden Erkrankung, körperlicher und/oder sexueller Gewalt, einer Entführung oder Geiselnahme, eines Terroranschlags, eines Kriegsereignisses, von Folter oder einer Naturkatastrophe. Unterstützung können Seelsorger, Sozialarbeiter, Psychologinnen und Psychologen oder Mitarbeitende von Opferzentren bieten. Diese Hilfe fördert die Verarbeitung des Traumas und hilft, der Entwicklung einer PTBS entgegenzuwirken.

Wer diagnostiziert eine PTBS?

Für die Diagnose einer PTBS ist ein Arzt beziehungsweise eine Ärztin oder eine Psychotherapeutin beziehungsweise ein Psychotherapeut notwendig. Die Diagnose PTBS wird erst dann gestellt, wenn die Trauma-Symptome länger als vier Wochen anhalten. Denn: Es ist normal, dass Menschen nach einem schlimmen Erlebnis stark belastet sind und dass es natürlicherweise eine Weile dauert, bis ein solches Erlebnis verarbeitet ist. Trauma-Experten unterscheiden daher zwischen Beschwerden, die direkt nach einem traumatischen Ereignis auftreten (akute Belastungsreaktion) und solchen, die länger anhalten (Traumafolgestörungen wie die PTBS).

Einem Trauma beziehungsweise einer PTBS geht immer ein als extrem belastend empfundenes Erlebnis voraus, das mit intensiven Gefühlen wie Verzweiflung, Todesangst, Kontrollverlust und Ohnmacht verbunden ist oder zu einer schweren oder körperlichen Verletzung geführt hat. Trauma-Experten zufolge gehören zu den PTBS-Ursachen Krieg, schwere Unfälle, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen, sexueller Missbrauch sowie medizinische Notfälle. Nicht zu den Auslösern einer PTBS zählen Experten zufolge Belastungen wie Mobbing, Scheidung oder Arbeitsplatzverlust. Trotzdem können diese Belastungen PTBS-Symptome verursachen oder der Auslöser für eine Angststörung oder eine Depression sein.
Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung, kurz KPTBS, umfasst der Leitlinie „Posttraumatische Belastungsstörung“ zufolge ein Symptombild, welches in der Regel durch besonders schwere, langandauernde und sich wiederholende traumatische Erlebnisse (sogenannte Typ-II Traumata) hervorgerufen wird. Dazu gehören unter anderem sexueller Missbrauch oder körperliche Misshandlung in der Kindheit, aber auch andere schwerwiegende traumatische Ereignisse, wie Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung, kriegerische Auseinandersetzungen, Folter sowie andere Formen schwerer politischer oder organisierter Gewalt.
Neben den klassischen Symptomen der PTBS leiden Betroffene einer KPTBS zusätzlich unter gestörter Gefühlsregulierung und Impulskontrolle, fortbestehenden depressiven Verstimmung, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, die nicht selten mit latenter chronischer Suizidalität und teils schweren Selbstverletzungen einhergeht. Es können Störungen der Selbstwahrnehmung entstehen sowie Gefühle von Scham, Schuld, Antriebsarmut, Selbstanschuldigungen, Selbsthass, Selbstekel und Hilflosigkeit. Oftmals nehmen Betroffene zudem eigene Bedürfnisse nicht wahr oder beachten diese nicht (mangelnde Selbstfürsorge). Häufig zeigt sich zudem eine verzerrte Wahrnehmung des Täters, beispielsweise im Sinne einer Idealisierung, einer paradoxen Dankbarkeit, dem Gefühl einer übernatürlichen Beziehung oder intensiver Rachegefühle.

Quellen:

S3-Leitlinie „Posttraumatische Belastungsstörung“ der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT). AWMF-Register Nr. 155/001.

S2k-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen psychischer Traumatisierung“ der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie; der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde; der Deutschen Gesellschaft für Psychologie sowie der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM). AWMF-Register Nr. 051-027.

Psychotherapie und ergänzende Behandlung bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Online-Information des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Posttraumatische Belastungsstörung. Online-Information des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Was ist ein Trauma und wie entstehen Traumafolgestörungen? Online-Information der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT).

Was ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)? Online-Information der Berufsverbände und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Posttraumatische Belastungsstörung – Symptom & Störungsbild. Online-Information der Berufsverbände und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Krise/ Notfall: Links. Online-Information der Berufsverbände und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Telefonseelsorge – anonyme Hilfe Tag und Nacht. Online-Angebot der Diakonie Deutschland.

Ein offenes Ohr für alle Anliegen. Online-Angebot der Telefonseelsorge Deutschland.

Überregionale Krisentelefone. Online-Angebot der Stiftung Deutsche Depressions-Hilfe.

Dr. Peter A. Levine: Sprache ohne Worte. Die Botschaften unseres Körpers verstehen. Das Grundlagenbuch zu Trauma, Selbstregulation und dem Finden von innerer Balance. Kösel-Verlag.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.
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Ann-Kathrin Landzettel
Autor/-in
Ann-Kathrin Landzettel M. A. ist Gesundheitsjournalistin aus Leidenschaft. Vor allem zwei Fragen treiben die geprüfte Gesundheits- und Präventionsberaterin an: Wie können wir lange gesund bleiben – und wie im Krankheitsfall wieder gesund werden? Antworten findet sie unter anderem im intensiven Austausch mit Ärztinnen und Ärzten sowie in persönlichen Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Seit fast zehn Jahren gibt sie dieses Wissen rund um Gesundheit, Medizin, Ernährung und Fitness an ihre Leserinnen und Leser weiter.
Ann-Kathrin Landzettel
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