Calcium als Wunderwaffe gegen Osteoporose? Ein Experte klärt auf
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Calcium als Wunderwaffe gegen Osteoporose? Ein Experte klärt auf

Bundesweit leiden mehr als sechs Millionen Menschen an Knochenschwund. Betroffen sind vor allem Frauen ab 50 Jahren. Hilft diesen Patientinnen und Patienten tatsächlich Calcium gegen ihre Osteoporose? Osteologe Prof. Dr. med. Hans-Christof Schober gibt Auskunft.

Gelbe Seiten: Lange Zeit galt die Einnahme von Calcium im Zusammenspiel mit Vitamin D als Basistherapie bei Osteoporose. Seit einigen Jahren gibt es aber Zweifel an dieser Methode. Zurecht?

Hans-Christof Schober: In den Leitlinien wird diese Art der Therapie weiterhin empfohlen. Bei der klassischen Altersosteoporose ist sie aber nur sinnvoll, wenn der Patient den Tagesbedarf an Calcium nicht über die Nahrung zu sich nimmt. Und der empfohlene Wert von rund 800 bis 1.000 Milligramm ist durch Milch, Käse oder calciumreiches Mineralwasser in der Regel leicht zu erreichen. Bevor also zu Calcium-Tabletten oder Ähnlichem gegriffen wird, sollte die Ernährung angepasst werden, zumal das über die Nahrung aufgenommene Calcium auch besser resorbiert wird.

Gelbe Seiten: Wie sieht es bei Veganern aus oder Menschen, die ihre Essgewohnheiten im Alter nicht mehr umstellen wollen?

Hans-Christof Schober: Wer an Calcium-Mangel leidet, sollte diesen durch Calcium-Präparate beheben. Das kann auch bei Patienten der Fall sein, die etwa eine teilweise oder vollständige Magenentfernung hinter sich haben und in der Folge das Calcium aus der Nahrung nicht mehr verarbeiten können.

Gelbe Seiten: Ist es denn als Vorbeugung sinnvoll, Calcium zu supplementieren, um gar nicht erst an Osteoporose zu erkranken?

Hans-Christof Schober: Nein, eine Überversorgung mit Calcium bringt dem Körper keine Vorteile, im Gegenteil: Sicher ist, dass zu viel Calcium im Körper die Produktion von Nierensteinen begünstigt. Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung ist in den meisten Gegebenheiten als Prophylaxe völlig ausreichend. Ausnahmen gibt es vielleicht in Fällen wie bei einem 80-jährigen Altersheimbewohner, der sich kaum bewegt, kaum rauskommt und nur sehr sparsam isst.

Gelbe Seiten: Calcium kann seine Funktionen im Körper nur dann gut erfüllen, wenn der Körper gleichzeitig ausreichend mit Vitamin D versorgt ist. Sind solche Präparate denn empfehlenswert?

Hans-Christof Schober: Auch hier gilt: Wenn der Vitamin-D-Spiegel im Blut normal ist, ist keine zusätzliche Aufnahme erforderlich. Am Tag benötigt ein Mensch etwa 800 Einheiten Vitamin D, bei einer Viertelstunde in der Sonne produziert die Haut schon 10.000 bis 20.000 Einheiten davon.

Gelbe Seiten: Im Winter ist hierzulande ja weder viel Sonne noch viel Haut zu sehen und die Aufnahme von Vitamin D über die Haut funktioniert bei älteren Menschen ja auch nicht mehr so wie in jungen Jahren …

Hans-Christof Schober: Das stimmt, die Aufnahme ist dann vermindert. Aber Gesicht und freie Unterarme, wie beispielsweise bei der Gartenarbeit an der frischen Luft, reichen völlig aus. Zudem speichert der Körper ja auch Vitamin D, das dann in den dunklen Monaten freigesetzt wird.

Gelbe Seiten: Wie sollte Osteoporose denn behandelt werden, wenn in vielen Fällen eine Einnahme von Calcium und Vitamin D unnötig ist?

Hans-Christof Schober: Mit spezifischen Osteoporose-Medikamenten. Im Wesentlichen sind das drei Wirkstoffgruppen: Zum einen Bisphosphonate und Denosumab, die die Knochenfresszellen bremsen. Zum anderen Parathormon, ein körpereigenes Hormon, das die Knochenaufbauzellen aktiviert. Oft wird in einer Sequenztherapie über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren zunächst der Knochenaufbau stimuliert und im Anschluss den Knochenabbau gebremst. Wenn die Osteoporose noch nicht so weit fortgeschritten ist, kann man gleich versuchen, den Knochenabbau zu vermindern.

Gelbe Seiten: Gibt es durch die Therapie denn Aussicht auf Heilung oder zumindest eine deutliche Verbesserung des Zustandes?

Hans-Christof Schober: Die Altersosteoporose ist ja dem Namen nach eine Krankheit, die Menschen erst im hohen Alter betrifft. Und einige Medikamente sind in ihrer Wirkung bei über 80-jährigen Patienten eingeschränkt, da das Alter dann wirkmächtiger ist als alles andere. Generell mindern die Medikamente das Risiko für Knochenbrüche. Ein Beispiel: Diagnostiziert ein Arzt das Risiko, in den nächsten Jahren eine Fraktur zu erleiden, auf zwölf Prozent, wird dieses Risiko durch die medikamentöse Behandlung auf sechs Prozent reduziert.

Gelbe Seiten: Angenommen, ich leide an Osteoporose und mein Calcium- und Vitamin-D-Wert im Blut sind zu niedrig: Kommen dann erst die Nährstoffergänzungsmittel zum Einsatz oder muss ich zusätzlich auch sofort Medikamente einnehmen, die ja immer eine gewisse Gefahr für Nebenwirkungen mit sich bringen?

Hans-Christof Schober: Sowohl als auch. Zunächst muss der Calcium-Mangel beseitigt werden, bevor die Medikamente zum Einsatz kommen, sonst kann der Calcium-Wert im Blut der Patienten einen kritisch niedrigen Wert erreichen. Im weiteren Verlauf der Therapie wird dann auch beides gleichzeitig verschrieben. Die Nebenwirkungen der Medikamente bewegen sich in der Regel übrigens in einem vertretbaren Rahmen.

Calcium hilft zwar gegen Osteporose, zusätzlich sollten Patienten aber auch ihre Muskeln stärken.
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Calcium hilft zwar gegen Osteporose, zusätzlich sollten Patienten aber auch ihre Muskeln stärken.

Gelbe Seiten: In Japan gehört Vitamin K zu den meistverordneten Präparaten bei Osteoporose. In Deutschland offenbar nicht …

Hans-Christof Schober: Folgt man den physiologischen Lebensvorgängen im Körper, benötigt dieser Vitamin K2, um auch das Vitamin D richtig zur Wirkung kommen zu lassen. Studien dazu gibt es bisher allerdings nicht. Das Problem dabei ist: Es gibt etwa sieben verschiedene Formen des Vitamins K2 – welche wir wirklich benötigen, muss erst noch geklärt werden.

Gelbe Seiten: Gibt es sonst noch nicht-medikamentöse Formen der Behandlung von Osteoporose?

Hans-Christof Schober: Muskelaufbautraining gehört zum Standardprogramm einer Osteoporose-Therapie. Darüber hinaus besteht noch die Möglichkeit, einen Hüftprotektor zu tragen, der quasi wie ein Airbag bei Stürzen die Hüftknochen schützt. Doch dieser sollte dann auch im Haushalt getragen werden, da dort die meisten Unfälle passieren. Und bei jedem Wasserlassen diesen Protektor aus- und wieder anzuziehen, ist für ältere Menschen ein erheblicher Aufwand. Insofern fehlt für diese Maßnahme oft die Bereitschaft.

Gelbe Seiten: Wir sprechen die ganze Zeit von der Altersosteoporose, der häufigsten Form des Knochenschwunds. Darüber hinaus gibt es aber auch noch die sogenannte sekundäre Osteoporose, die aufgrund von Vorerkrankungen entsteht. Ist die Behandlung dieselbe?

Hans-Christof Schober: Nein, diese Form der Osteoporose, an der beispielsweise schwer asthmakranke Menschen leiden, die starke Entzündungshemmer einnehmen müssen, ist komplizierter zu therapieren. Diese Patienten benötigen auch in höherem Umfang Calcium und Vitamin D, unabhängig von ihren Blutwerten.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

Profilbild von Prof. Dr. med. Hans-Christof Schober
Experte/-in
Prof. Dr. med. Hans-Christof Schober

Prof. Dr. med. Hans-Christof Schober leitet als Chefarzt die Klinik für Innere Medizin am Klinikum Südstadt Rostock. Seine Lehr- und Forschungsgebiete sind die Osteologie (Osteoporose), Diabetologie, Neuropathie und Adipositas. Seit 2009 ist Schober Vorsitzender des Bundes der Osteologen in Mecklenburg-Vorpommern.

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