Magersucht behandeln: Betroffene müssen die Therapie wollen
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Magersucht behandeln: Betroffene müssen die Therapie wollen

Die Behandlung von Magersucht ist nicht einfach: Auch wenn die Betroffenen meist unter ihrer Erkrankung leiden, haben sie dennoch große Angst vor der Gewichtszunahme. Eine wichtige Säule in der Magersucht-Therapie ist daher die psychologische Betreuung. 

Magersucht behandeln: Persönliche Motivation ist elementar

Die Behandlung von Anorexia nervosa ist nur dann erfolgreich, wenn die Betroffenen ihre Essstörung "aufgeben" und die Magersucht therapieren möchten. Wie der Name schon sagt, hat die Essstörung suchtähnlichen Charakter. Das restriktive Essverhalten zu verändern und wieder normal zu essen, ist für Magersüchtige eine große Herausforderung und mit viel Anstrengung und Ängsten verbunden. Nur wenn die Motivation für eine Magersucht-Therapie groß genug ist und die Betroffenen wirklich etwas ändern wollen, kann die Behandlung von Magersucht Erfolge zeigen.

Magersucht-Therapie: Normalgewicht ist das Ziel

Eine wichtige Säule der Magersucht-Therapie ist die Gewichtszunahme, denn mit dem starken Gewichtsverlust drohen bleibende gesundheitliche Schäden. Ein Therapieziel bei Anorexia nervosa ist daher die rasche Normalisierung von Gewicht und Essverhalten: bei Frauen bis zu einem Mindest-BMI von 18,5 und 19,5 bei Männern.

Magersucht behandeln: Psychologische Betreuung ist wichtige Säule

Eine weitere wichtige Säule der Behandlung ist die Psychotherapie. Sie berücksichtigt:

  • Mahlzeitenstruktur
  • Körperbild
  • Nahrungsaufnahme
  • Selbstwertgefühl
  • Problembewältigung
  • Aufarbeitung

Für Magersüchtige ist das optische Erscheinungsbild von großer Bedeutung, doch stecken hinter dem Wunsch, dünn zu sein, auch psychische Faktoren: Die Kontrolle über den eigenen Körper und das Gewicht bietet Stärke, Sicherheit, Schutz und Stabilität. Geben Betroffene das Untergewicht auf, geben sie auch einen Teil dieses Schutzes auf. Die psychologische Betreuung hilft, das Selbstwertgefühl zu stärken und emotionale Probleme aufzuarbeiten.

Psychotherapie in der Magersucht-Behandlung

Die Psychotherapie stellt für Magersüchtige zu Beginn der Magersucht-Behandlung eine große Hürde dar. Sie müssen sich ihren Ängsten stellen und sich mit häufig verletzenden und beängstigenden Themen auseinandersetzen. Die Psychotherapie lüftet den "Schutzmantel der Essstörung" und zeigt das, was viele Patienten am liebsten wegschieben möchten. Zudem fällt es vielen schwer, sich mit dem eigenen Ich auseinanderzusetzen, da oftmals ein negativer Blick auf die eigene Person vorherrscht.

Viele Magersüchtige nehmen daher erst sehr spät Hilfe in Anspruch. Häufig sind es Angehörige, die eine Magersucht-Therapie in die Wege leiten. Die Magersucht-Behandlung dauert meist mehrere Monate bis Jahre und ist von einer großen Abbruch- und Rückfallquote begleitet. Viele fallen in alte Essmuster zurück.

Da Essstörungen sehr schuld- und schambesetzt sind, ziehen sich Betroffene oft vollständig zurück, wenn erste zaghafte Versuche der Hilfesuche ins Leere laufen.

— Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Ratgeber „Essstörungen vorbeugen“.

Magersucht behandeln: Medikamente spielen eine untergeordnete Rolle

Für die Behandlung von Anorexia nervosa ist kein Medikament zugelassen. Es gibt keine Präparate, welche die Essstörung heilen. Dennoch gibt es Medikamente, die im Rahmen der Behandlung Anwendung finden können, um die Therapie zu erleichtern. Dazu gehören unter anderem:

  • Neuroleptika bei starker Hyperaktivität oder erheblichen Gewichtsängsten und Spannungszuständen.
  • Antidepressiva kommen zum Einsatz, um Begleitsymptome der Magersucht wie depressive Störungen und Zwangssymptome zu behandeln.

Die Gabe von Medikamenten erfolgt in der Regel in geringen Dosen. Mögliche Nebenwirkungen – zum Beispiel auf das Herz-Kreislauf-System – werden von den Ärzten in Hinblick auf den gesundheitlichen Zustand der Patienten berücksichtigt.

Therapiezentren vereinen verschiedene Behandlungsansätze

Magersüchtige werden in speziellen Fachzentren und Kliniken behandelt. Die Aufnahme kann stationär, teilstationär und ambulant erfolgen – abhängig vom Schweregrad der Essstörung und vom Gewicht der Patienten. Hier kommen verschiedene Therapieansätze zur Anwendung und die Betroffenen bekommen die engmaschige Betreuung, die sie brauchen.

Zu den Therapiemaßnahmen von Magersucht gehören:

  • Interpersonelle Psychotherapie
  • Kognitive Verhaltenstherapie
  • Familientherapie
  • Ernährungsberatung/ Ernährungstherapie
  • Lernen regelmäßiger und ausreichender Nahrungsaufnahme
  • „Verbotene“ Lebensmittel werden Stück für Stück in den Speiseplan eingebaut
  • Verhaltensanalyse
  • Therapieelemente, die die Förderung von Körperwahrnehmung und Erfahrung körperlicher Vorgänge beinhalten, darunter Videokonfrontation, Spiegelübung und Körperumrisszeichnungen, um eine Veränderung der Körperwahrnehmung zu erreichen
  • Entspannungstraining
  • angeleitete Gruppensitzungen
  • Sozialpädagogische Begleitung

Möglich ist auch, dass die Betroffenen einen Platz in therapeutischen Wohngemeinschaften bekommen. Hier geht die Therapie der Essstörung mit der Möglichkeit zur Schule zu gehen oder einen Beruf auszuüben Hand in Hand. Die Angebote richten sich nicht nur an junge Mädchen und Frauen, die am häufigsten von Essstörungen betroffen sind. Immer mehr Therapieangebote beziehen Männer mit ein oder sind gezielt für sie zusammengestellt.

In der Gesprächsführung fordert der Umgang mit Menschen, die an einer Essstörung leiden, Klarheit, Struktur, Offenheit, Transparenz und Berechenbarkeit. (…) Was sich als wenig hilfreich im Umgang mit Betroffenen erwiesen hat: zu argumentieren, zu dozieren, zu überreden, Ratschläge zu geben, ohne vorher das Einverständnis eingeholt zu haben, anzuordnen, zu warnen, zu drohen, zu moralisieren, zu kritisieren, zu predigen oder zu verurteilen.

— Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.: Ratgeber Essstörungen. Suchtmedizinische Reihe, Band 3.

Magersucht behandeln: ambulant und stationär

Ob eine ambulante, eine teilstationäre oder eine stationäre Behandlung der Magersucht besser geeignet ist, hängt von der Situation und der individuellen Symptomatik ab. Erst nach einer ärztlichen Diagnose kann der Behandlungsplan zusammengestellt werden. Doch wann ist eine ambulante und wann eine stationäre Behandlung angebracht?

Magersucht: ambulante Behandlung

Bei der ambulanten Behandlung von Magersucht spielen medizinische Begleitung, ambulante Psychotherapie, Ernährungsberatung und bei Bedarf weitere Maßnahmen wie ambulante Gruppen oder sozialpädagogische Unterstützung zusammen.

Eine ambulante Therapie kann dann sinnvoll sein, wenn

  • der BMI über 15 liegt.
  • trotz Untergewicht eine regelmäßige Gewichtszunahme erfolgt.
  • keine Essanfälle, häufiges Erbrechen oder Abführmittelmissbrauch die Essstörung begleiten.
  • die Betroffenen die Erkrankung behandeln möchten (hohe Motivation).
  • keine Gesundheitsgefährdung besteht.
  • keine Selbstmordgedanken, Selbstverletzung oder andere psychische oder physische Risiken bestehen.
  • die Betroffenen in einem stützenden sozialen Umfeld leben.

Magersucht: stationäre Behandlung

Bei der stationären Behandlung sind die Betroffenen in Tageskliniken, Kliniken, Fachzentren oder Wohngruppen untergebracht, die auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert sind.

Eine stationäre Behandlung kann dann sinnvoll sein, wenn

  • der BMI unter 15 liegt.
  • ein rascher und anhaltender Gewichtsverlust vorliegt.
  • Essanfälle, häufiges Erbrechen oder Abführmittelmissbrauch die Essstörung begleiten.
  • jegliche Essstruktur fehlt.
  • keine Krankheitseinsicht beziehungsweise Motivation zur Veränderung gegeben ist.
  • körperliche Komplikationen drohen oder bereits eine Gefahr für die Gesundheit besteht.
  • Selbstmordgedanken, Selbstverletzung oder andere psychische oder physische Risiken bestehen.
  • das soziale Umfeld belastend ist.
  • eine ambulante Therapie nicht erfolgreich war.

Bei vielen Patientinnen mit AN ist die Krankheitseinsicht begrenzt; die Bedrohlichkeit der Erkrankung wird verleugnet. In solchen Fällen kann es notwendig sein, die Therapie gegen den Willen der Patientin durchzuführen. Dies sollte mit sehr viel Augenmaß und abgestuft erfolgen, zumal die Betroffenen eine Zwangsernährung im engeren Sinne als traumatisierend empfinden. (…) Zwangsernährung im engeren Sinn wird nur in sehr seltenen, lebensbedrohlichen Fällen notwendig. Hierzu ist eine richterliche Anordnung nach dem Betreuungsrecht erforderlich.

— Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.: Ratgeber Essstörungen. Suchtmedizinische Reihe, Band 3.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

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Autor/-in
Ann-Kathrin Landzettel

Ann-Kathrin Landzettel M. A. ist Gesundheitsjournalistin aus Leidenschaft. Vor allem zwei Fragen treiben die geprüfte Gesundheits- und Präventionsberaterin an: Wie können wir lange gesund bleiben – und wie im Krankheitsfall wieder gesund werden? Antworten findet sie unter anderem im intensiven Austausch mit Ärztinnen und Ärzten sowie in persönlichen Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Seit fast zehn Jahren gibt sie dieses Wissen rund um Gesundheit, Medizin, Ernährung und Fitness an ihre Leserinnen und Leser weiter.

 

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