Was ist eine Essstörung?

In der westlichen Gesellschaft gehören Essstörungen zu den häufigsten psychosomatischen Erkrankungen. Essstörungen äußern sich durch ein gestörtes Verhältnis zum Essen, zum eigenen Körper und zum Selbst. Experten sprechen von psychosomatischen Erkrankungen mit Suchtcharakter, da es den Betroffenen nicht möglich ist, selbst den Weg aus dem gestörten Essverhalten zu finden. Zwanghaft beschäftigen sie sich mit Essen. Essstörungen haben für die körperliche Gesundheit ebenso Folgen wie für die seelische und soziale Gesundheit. Auch wenn Essstörungen häufiger bei jungen Mädchen und Frauen auftreten, zeigen neuere Daten, dass mittlerweile ein Drittel der Betroffenen Jungen und Männer sind.

Dabei handelt es sich nicht mehr nur um einen ‚Schlankheitstick‘ oder ein ‚Problem mit dem Essen‘. Essstörungen sind schwere psychosomatische Erkrankungen – unbewusste Versuche, tiefgreifende seelische Probleme mit einem gestörten Essverhalten und der Fixierung auf Essen und Figur zu bewältigen.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Ratgeber „Essstörungen vorbeugen“.

Essstörungen haben nie nur eine Ursache

Wie der Bundesfachverband Essstörungen (BFE) mitteilt, gibt es verschiedene Formen von Essstörungen, wobei „Mischformen häufig und die Übergänge fließend sind“. Die Essstörung sei eine erstzunehmende psychosomatische Krankheit mit vielfältigen und vielschichtigen Gründen. Schätzungen des Versorgungszentrums Essstörungen ANAD e.V. zufolge ist jeder fünfte Jugendliche gefährdet, eine Essstörung zu entwickeln. Magersucht und Bulimie gehören zu den häufigsten chronischen Krankheiten im Kindes- und Jugendalter. Die Ursachen sind vielschichtig.

Zu den biologischen Ursachen gehören:

  • genetische Faktoren
  • Einfluss bestimmter Hormone und Neurotransmitter
  • ein genetisch bedingtes, individuelles Normalgewicht

Zu den individuellen Einflussgrößen zählen:

  • Perfektionismus
  • Leistungsanspruch
  • geringes Selbstwertgefühl
  • Kontrollbedürfnis
  • geringe Konfliktfähigkeit
  • Schwierigkeiten bei der Stressbewältigung
  • traumatische Erlebnisse
  • Essprobleme oder Übergewicht in der Kindheit
  • Angst, erwachsen zu werden

Zu den familiären Einflussgrößen gehören:

  • bereits vorhandene Essstörungen bei Familienmitgliedern
  • schlechte Vorbilder bei der Ernährung
  • fehlende Streitkultur
  • Verdrängen von negativen Gefühlen
  • starke Kontrolle durch die Eltern
  • Übernahme von zu viel Verantwortung

Soziokulturelle Einflussgrößen sind:

  • Mobbing
  • verletzende Äußerungen zu Aussehen und Körperbild
  • von den Medien verbreitete Schönheitsideale
  • Beschäftigung im Freundeskreis mit Essen, Figur, Aussehen und Diäten

Essstörungen behandeln: Ohne Hilfe geht es nicht

Da hinter einer Essstörung meist tiefe seelische Ursachen stehen, schaffen es die Betroffenen in der Regel nicht, alleine den Weg aus dem krankmachenden Essverhalten zu finden. Ohne eine entsprechende (therapeutische) Behandlung, ist die Gefahr groß, dass die Essstörung bestehen bleibt, sich verschlimmert und gravierende Folgen für die Gesundheit, die Psyche und das Sozialleben hat.

Zu den therapeutischen Maßnahmen gehören:

  • Psychotherapie
  • ärztliche Begleitung
  • Ernährungstherapie
  • Sozialpädagogische Begleitung

Es gibt verschiedene Therapieformen:

  • ambulante Behandlung/ ambulante Therapiegruppen
  • Selbsthilfegruppen
  • Aufnahme in einer (Tages-)Klinik
  • Wohngruppen

Eine Therapie der Essstörung kann nur dann erfolgreich sein, wenn der oder die Betroffene bereit ist, die Essstörung aufzugeben. Diese Entscheidung ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung und den Weg aus dem krankmachenden Essverhalten.

Was ist Magersucht?

Magersucht (Anorexia nervosa) zeichnet sich durch ein besonders niedriges Körpergewicht aus. Die Betroffenen liegen mindestens 15 Prozent unter dem Normalgewicht, ohne dass eine körperliche Erkrankung vorliegt. Kennzeichnend ist zudem, dass sich Magersüchtige, obwohl sie sehr dünn sind, beim Blick in den Spiegel als zu wahrnehmen. Sie verspüren den Wunsch, weiter abzunehmen. Mediziner sprechen von Körperschemastörung.

Trotz starkem Hunger essen sie nichts oder nur sehr geringe Mengen. Viele treiben exzessiv Sport oder greifen zu Abführmitteln. Auffällig ist, dass viele Magersüchtige mit großer Leidenschaft für Familie und Freunde kochen, ohne selbst etwas davon zu essen. Bei betroffenen Mädchen und Frauen bleibt aufgrund des Untergewichts oft die Menstruation aus.

Bei der Magersucht ist die Angst übermächtig, zuzunehmen. Die negativen Folgen für die Gesundheit werden ignoriert. Werden Betroffene auf ihr geringes Gewicht angesprochen oder mit dem Verdacht Magersucht konfrontiert, reagieren sie ablehnend bis wütend.

Was ist Bulimie?

Bulimie (Bulimia nervosa) beschreibt die Ess-Brech-Sucht. Die Betroffenen leiden unter wiederkehrenden Essanfällen, bei denen sie große Mengen an Nahrung verschlingen. Nach einer solchen "Fressattacke", die die Betroffenen nicht kontrollieren können, folgen das schlechte Gewissen und die Angst zuzunehmen. Die Betroffenen erbrechen die aufgenommene Nahrung, um die Kalorien wieder loszuwerden. Viele legen zudem strenge Fastenphasen ein oder nehmen Abführmittel und weitere gewichtsreduzierende Präparate.

Die Betroffenen schämen sich für ihr Verhalten. Es besteht ein ständiger Konflikt zwischen dem angestrebten Schlankheitsideal und der Gier nach Essen. Während das Erbrechen anfangs noch als Lösung betrachtet wird, um trotz Essen nicht zuzunehmen, entwickelt es sich im Verlauf zu einem suchtähnlichen Verhalten. Die Betroffenen erbrechen immer wieder, obwohl sie zunehmend unter dem eigenen Verhalten leiden – ein Teufelskreis.

Was ist die Binge-Eating-Störung?

Binge-Eating (Binge-Eating-Störung, Binge-Eating-Disorder) ist eine Essstörung, bei der die Betroffenen regelmäßige Essattacken erleben und in einem kurzen Zeitraum große Mengen Essen unkontrolliert verschlingen. Laut dem Bundesfachverband Essstörungen ist die Binge-Eating-Störung die am weitesten verbreitete Essstörung. Die meisten Patienten sind fettleibig (adipös). Psychologen gehen davon aus, dass das unkontrollierte Essen dazu dient, unangenehme Empfindungen kurzzeitig zu verdrängen. Diese kehren nach dem Schlingen aber wieder zurück – begleitet von Scham und Schuldgefühlen.

Welche Unterformen gestörten Essverhaltens gibt es?

Experten unterscheiden zudem Unterformen gestörten Essverhaltens. Dazu gehören:

  • Chewing &; Spitting: Das Essen wird gekaut und wieder ausgespuckt.
  • Night-Eating-Syndrom: Die Nahrungsaufnahme erfolgt vorrangig am Abend beziehungsweise in der Nacht.
  • Orthorexia nervosa: Diese Essstörung bezeichnet den Zwang, sich gesund zu ernähren. Subjektiv als ungesund eingestufte Lebensmittel werden strikt gemieden. Die Auswahl der „erlaubten“ Lebensmittel wird immer mehr eingeschränkt. Viele Betroffene essen nur noch selbst zubereitete Speisen.
  • Sport-Anorexie und Sport-Bulimie: Viele Betroffene mit Anorexie oder Bulimie zeigen ein übermäßiges Sportverhalten. Die sportliche Aktivität ist geprägt durch ein striktes Sportprogramm im Sinne einer Zwangshandlung. Die Betroffenen empfinden keine Freude an der Bewegung. Wird das vorgeschriebene Sportprogramm nicht eingehalten, plagen die Betroffenen ein schlechtes Gewissen und schlechte Laune.
  • Pica-Störung: Die Betroffenen essen Dinge, die keine Lebensmittel sind. Dazu gehören zum Beispiel Haare, Papier, Sand und so weiter.
  • Psychogener Appetitverlust: Appetitverlust, der aufgrund von psychischen Belastungssituationen auftritt.

Was sind „nicht näher bezeichnete Essstörungen“? 

Laut dem Versorgungszentrum Essstörungen ANAD e.V. wird die Diagnose „nicht näher bezeichnete Essstörung“ dann gestellt, wenn:

  • bei einer Frau sämtliche Kriterien der Anorexia nervosa erfüllt sind, die Frau jedoch regelmäßig ihre Periode bekommt.
  • sämtliche Kriterien der Anorexia nervosa erfüllt sind, das Körpergewicht der Person trotz erheblichen Gewichtsverlustes aber noch im Normalbereich liegt.
  • sämtliche Kriterien der Bulimia nervosa erfüllt sind, jedoch die „Essattacken“ und das unangemessene Kompensationsverhalten weniger häufig als zweimal pro Woche für eine Dauer von weniger als drei Monaten auftreten.
  • eine normalgewichtige Person bereits nach kleineren Nahrungsmengen regelmäßig zu unangemessenen, gewichtsreduzierenden Maßnahmen greift.
  • bei einer Person wiederholte Episoden von Essattacken auftreten, jedoch ohne die regelmäßigen, gewichtsreduzierenden Maßnahmen wie beispielsweise selbst herbeigeführtes Erbrechen. 

Ist Adipositas eine Essstörung?

Adipositas (Fettleibigkeit, Fettsucht) ist keine Essstörung im eigentlichen Sinn. Es handelt sich hierbei um starkes Übergewicht, bedingt durch eine übermäßige Aufnahme hochkalorischer Lebensmittel. Adipositas kann aber die Folge der Essstörung Binge-Eating-Störung sein. Zudem ähneln einige Merkmale von Adipositas denen einer Essstörung:

  • Heißhungeranfälle
  • übermäßige Kalorienzufuhr
  • Gewichtszunahme
  • Schwierigkeiten, die Essmenge zu kontrollieren
  • Essen zur Stressbewältigung
  • Schamgefühle
  • sozialer Rückzug
  • emotionale Probleme

Experten unterscheiden drei Grade der Adipositas:

  • BMI 30-34,9 kg/m²: Adipositas Grad I
  • BMI 35-39,9 kg/m²: Adipositas Grad II
  • BMI > 40 kg/m²: Adipositas Grad III 

Sie können Ihren Body-Mass-Index (BMI) mit folgender Formel berechnen:

 

Körpergewicht (in Kilogramm) : Körpergröße (in Metern)2

Beispiel: Sie sind 1,80 groß und wiegen 90 Kilogramm. Sie rechnen 1,80 x 1,80 = 3,24. Dann 90 : 3,24= BMI 27,7.

 

Wichtig: Der BMI ist eine Methode, um den Ernährungszustand zu bewerten und hat sich in Expertenkreisen durchgesetzt. Er ist allerdings nur eine grobe Orientierung, da er nicht das Verhältnis von Körperfett- und Muskelmasse berücksichtigt. Auch das Alter und die Verteilung des Körperfetts finden keine Berücksichtigung. Vor allem Bauchfett gilt unter Medizinern als gesundheitskritisch.

Essstörungen bei Kindern

Was viele nicht wissen: Bereits Babys und kleine Kinder können von einer Essstörung betroffen sein. Bei ihnen wird aber eher selten die Diagnose Magersucht oder Ess-Brech-Sucht gestellt. Die beobachteten Symptome werden eher in die Kategorie „Nicht näher bezeichneter Essstörungen“ eingruppiert. Manche Kleinkinder verweigern das Essen oder sind extrem wählerisch. Eltern sind dann besorgt. Wenn das Kind diese Verhaltensweisen zeigt, besteht nicht gleich Grund zur Sorge – solange sich das Gewicht in einem gesunden Bereich befindet. Gefährlich ist es, wenn Kinder Sand und andere ungenießbare Stoffe essen (Pica-Syndrom). Bei Unsicherheit bezüglich des Essverhaltens sollten Eltern das Gespräch mit dem Kinderarzt suchen.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

Ann-Kathrin Landzettel
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