Vermehrt RSV-Infektionen bei Kindern: 7 Fakten, die Eltern jetzt über das RS-Virus wissen müssen
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Vermehrt RSV-Infektionen bei Kindern: 7 Fakten, die Eltern jetzt über das RS-Virus wissen müssen

Eltern sind zunehmend besorgt: Immer mehr Kleinkinder erkranken derzeit an dem RS-Virus, viele müssen im Krankenhaus behandelt werden. Doch was ist das Respiratorische Synzytial-Virus? Wie gefährlich ist eine RSV-Infektion für Kinder und wann sollten Eltern einen Arzt verständigen? RSV-Welle in Deutschland: Sieben Fakten, die Eltern jetzt über RSV-Infektionen wissen müssen.

Was ist das RS-Virus?

Die meisten Kinder, die in Deutschland derzeit aufgrund einer Atemwegserkrankung ins Krankenhaus kommen, sind mit dem sogenannten Humanen Respiratorischen Synzytial-Virus, kurz RSV, infiziert. Dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge ist das RSV ein weltweit verbreiteter Erreger von akuten Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege in jedem Lebensalter und einer der bedeutendsten Erreger von Atemwegsinfektionen bei Säuglingen, insbesondere Frühgeborenen und Kleinkindern. In Saisonalität und Symptomatik würden RSV-Infektionen der Influenza ähneln. Bei Säuglingen und Kleinkindern kann eine RSV-Infektion gefährlich werden, da ihre Atemwege noch sehr eng und das Immunsystem noch nicht vollständig aufgebaut ist. Nicht selten müssen Kinder stationär behandelt werden. In manchen Fällen kann eine Infektion tödlich verlaufen.

*Der Respirationstrakt umfasst die Organe, die die Atemwege gewährleisten – Nasenhöhle, Rachen, Kehlkopf, Luftröhre, Bronchien und Lunge.

Wie wird RSV übertragen?

Die Übertragung des RS-Virus erfolgt in erster Linie durch Tröpfcheninfektion von einer infektiösen Person auf eine Kontaktperson. So werden unter anderem beim Sprechen, Husten und Niesen winzige Speicheltröpfchen in die Umgebungsluft abgegeben – die von anderen eingeatmet werden können. So gelangen die Viren in die Atemwege. Auch sind Übertragungen der RS-Viren indirekt über kontaminierte Hände, Gegenstände und Oberflächen möglich. Angaben des Robert Koch-Instituts zufolge kann RSV in respiratorischem Sekret 20 Minuten auf Händen überleben, 45 Minuten auf Papierhandtüchern und Baumwollkitteln und bis zu mehreren Stunden auf Einmalhandschuhen, auf Stethoskopen und auf Kunststoffoberflächen.

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Wie lange ist das RS-Virus ansteckend?

In der Regel beträgt die Ansteckungsfähigkeit Betroffener etwa eine Woche. Eine längere Ansteckungsfähigkeit ist möglich. So können Frühgeborene, Neugeborene, immundefiziente oder immunsupprimierte Patienten das RS-Virus über mehrere Wochen, im Einzelfall sogar über Monate ausscheiden.

Warum jetzt eine RSV-Welle?

Einige Experten vermuten als Grund der RSV-Welle die immunologische Lücke während der Corona-Pandemie, andere eine Schwächung des Immunsystems aufgrund vorangegangener Corona-Infektionen und wieder andere nennen eine verschobene Saisonalität als Ursache: Letztes Jahr setzte die Infektionswelle mit RSV früher ein. Der Abstand zu den diesjährigen Ausbrüchen ist daher länger – was mit einem abnehmendem Immunschutz gegenüber dem Virus verbunden ist. Man steckt sich leichter erneut an. Zugleich haben viele Kinder noch kein ausreichendes Immuntraining durch vorangehende Infekte mit dem RS-Virus durchlaufen. Besonders die Primärinfektion verläuft oft besonders heftig. Übrigens: Auch bei Erwachsenen kann das RS-Virus eine Infektion auslösen. Bei ihnen ist der Verlauf in der Regel aber milder als bei Kindern.

Wie gefährlich ist das RS-Virus für Kinder?

Eine RSV-Infektion birgt bei Kindern das Risiko für schwere Verläufe. Wie das Robert Koch-Institut mit Bezugnahme auf eine Übersichtsarbeit zur Sterblichkeit schwerer RSV-bedingter Erkrankungen der unteren Atemwege bei hospitalisierten Kleinkindern (≤ 2 Jahre) mitteilt, verliefen im Mittel 0,2 % der Fälle bei Kindern ohne bekanntes erhöhtes Risiko, 1,2 % bei Frühgeborenen, 4,1 % bei Kindern mit bronchopulmonaler Dysplasie und 5,2 % der Fälle bei Kindern mit angeborenem Herzfehler tödlich.

Zu den Risikogruppen, die schwer an einer RSV-Infektion erkranken können, gehören dem RKI zufolge:

  • Frühgeborene
  • Kinder mit pulmonalen Vorerkrankungen (z. B. bronchopulmonale Dysplasie, zystische Fibrose, neurologische und muskuläre Erkrankungen mit eingeschränkter Ventilation)
  • Kinder mit Herzfehlern mit vermehrter Lungendurchblutung
  • Erwachsene mit kardialen oder pulmonalen Vorerkrankungen
  • alle immundefizienten und immunsupprimierten Personen
  • Empfänger hämapoetischer Zelltransplantate
  • Empfänger von Lungen- oder anderen Organtransplantaten
  • stark immunsupprimierte Patienten mit maligner hämatologischer Erkrankung

Risiko Tripledemic: Wenn RSV auf Grippe und Corona trifft

Nicht nur die zunehmenden RSV-Fälle besorgen Experten. Viele schauen zudem mit Sorge auf die nahende Grippe-Welle. Dadurch, dass die RSV-Saison dieses Jahr später einsetzte als letztes Jahr und die Grippe-Welle etwas früher als gewöhnlich, besteht das Risiko, dass es zu Versorgungsproblemen in Kliniken kommt. Schon jetzt werden in verschiedenen Bundesländern freie Kinderbetten in Kliniken knapp, darunter Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. In den USA wird derzeit bereits vor einer "Tripledemic" also einer dreifachen Epidemie durch RSV, Influenza und Covid bei Kindern gewarnt. Gefährlich werden kann es besonders dann, wenn durch eine Infektion geschwächte Kinder zeitgleich oder kurz darauf eine Infektion mit einem anderen Erreger durchmachen.

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RSV, Grippe und Corona: Wie kann ich mein Kind schützen?

Besorgte Eltern sollten Kontakt mit dem Kinderarzt oder der Kinderärztin aufnehmen und erfragen, mit welchen Schutzmaßnahmen sie das Infektionsrisiko sowie das Risiko für schwere Verläufe senken können. Viele Kinderärzte sehen neben der Corona-Impfung gegen den Erreger SARS-CoV-2 auch für Kinder eine Schutzimpfung gegen Grippe (Influenza) als bedeutsam. Eine zugelassene Grippe-Impfung für Kinder gibt es bereits. Allerdings hat die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) bislang keine entsprechende Empfehlung ausgesprochen. Gegen das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) gibt es bislang keine Impfung.

RSV erkennen: Welche Symptome bei RS-Virus-Infektion?

Die Inkubationszeit bis zum Auftreten erster Symptome beträgt zwei bis acht Tage. RSV-infizierte Personen können bereits einen Tag nach der Ansteckung und noch vor Symptombeginn infektiös sein. Eine RSV-Infektion kann Symptome einer einfachen Atemwegsinfektion bis hin zu einer schweren beatmungspflichtigen Erkrankung der unteren Atemwege aufweisen: Eine RSV-Infektion kann auf die oberen Atemwege beschränkt sein – und mit Symptomen einer harmlosen Erkältung einhergehen – sich aber auch, insbesondere bei Säuglingen in den ersten Lebensmonaten, als Bronchiolitis (Entzündung der Bronchien), Pneumonie (Lungenentzündung) oder Tracheobronchitis (gleichzeitige Entzündung der Schleimhäute in der Luftröhre und den luftleitenden Anteilen der Lunge) zeigen. Auch ist es möglich, dass Infizierte keine Symptome aufweisen – aber ansteckend sind.

Wie verläuft die RSV-Infektion?

Zu den möglichen Symptomen einer Infektion mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus gehören:

  • Schnupfen
  • Husten (Ein keuchhustenähnliches Krankheitsbild zeigen etwa 5 % der Erkrankten.)
  • Rachenentzündung
  • beschleunigte Atmung bis hin zu Atemnot
  • hörbare Atmung/ Keuchatmung
  • Fieber
  • Trinkverweigerung
  • Reflux
  • Erbrechen
  • Austrocknung (Dehydration)

Möglich ist, dass es zu Sekundärinfektionen mit Bakterien und anderen Viren kommt, welche den Körper zusätzlich schwächen.

Verdacht auf RS-Virus-Infektion: Wann müssen Kinder zum Arzt?

Eltern sollten mit ihrem Kind einen Arzt aufsuchen, wenn sich Erkältungssymptome verschlechtern, intensiver Husten auftritt, sich hohes Fieber entwickelt oder wenn Kinder nicht mehr trinken wollen. Der Kinderarzt beziehungsweise die Kinderärztin ist der erste Kontakt. Am Wochenende, in der Nacht und an Feiertagen können Eltern den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 erreichen. Atemprobleme bis hin zu Atemnot sind ein Notfall, der sofort einer ärztlichen Behandlung bedarf. Eltern sollten den Notruf unter 112 verständigen.

Respiratorisches Synzytial-Virus behandeln: Therapie der RSV-Infektion

Eine gezielte Behandlung einer Infektion mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus gibt es nicht. Die Therapie legt den Fokus auf die Symptomlinderung und die Vorbeugung eines möglicherweise schweren Verlaufs. Wichtige Therapiebestandteile sind eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zur Verflüssigung von Sekret sowie das Freihalten der Nase mit Hilfe von Nasenspülungen oder Nasentropfen. Bei schweren Verläufen können Sauerstoffgaben, Atemunterstützung mit CPAP-Maske oder Intubation und Beatmung erforderlich sein. Treten begleitend Sekundärinfektionen mit Bakterien auf, kann die Gabe eines Antibiotikums notwendig werden.

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Die engsten Kontakte von Risikokindern finden der Leitlinie „Prophylaxe von schweren RSV-Erkrankungen“ zufolge in Privathaushalten im familiären Umfeld statt. Die Meidung des Kontaktes zu Kontaktpersonen mit Atemwegsinfektionen hilft, das Übertragungsrisiko deutlich zu reduzieren. Hygienemaßnahmen wie Händehygiene, hygienisches Husten und Niesen können ebenfalls helfen, das Ansteckungsrisiko zu senken. Darüber hinaus empfiehlt die Leitlinie, insbesondere Kindern mit hohem Risiko, in den ersten beiden Lebensjahren in der Herbst-/Wintersaison von größeren Menschenansammlungen fernzuhalten und Kinderkrippen zu meiden.
Die Ernährung mit Muttermilch gilt der Leitlinie zufolge als eine allgemein präventive Maßnahme vor RSV-Infektionen. Weitere Schutzmaßnahmen seien der Schutz vor Passivrauchen und Innenraum-Luftverschmutzung.
Eine gezielte Impfung gegen RSV gibt es nicht. Die Leitlinie empfiehlt, neben den allgemein empfohlenen Impfungen für Kinder auch eine Impfung gegen Influenza (zugelassen ab dem vollendetem 6. Lebensmonat) bei Risikopatienten und ihren engen Kontaktpersonen zu prüfen. Medikamente, welche eine bestehende Infektion mit RSV gezielt bekämpfen, gibt es nicht. Vorbeugend kann für Risikogruppen Palivizumab in Betracht gezogen werden. Palivizumab ist ein synthetisch hergestellter monoklonaler Antikörper, der zur Krankheitsprävention von schweren RSV-Erkrankungen bei Risikopatienten eingesetzt wird. Palivizumab gilt den Autoren der Leitlinie zufolge als ein weitgehend sicheres Medikament.

Quellen:

awmf.org: „Leitlinie zur Prophylaxe von schweren Erkrankungen durch Respiratory Syncytial Virus (RSV) bei Risikokindern“. S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie e.V. (DGPI), AWMF-Register-Nr.: 048-012. (Gültig bis 30. August 2023).

rki.de: „Respiratorische Synzytial-Virus-Infektionen (RSV)“. Online-Ratgeber des Robert Koch-Instituts (RKI).

rki.de: „RSV-Infektionen (Respiratorische Synzytial-Viren)“. Online-Themenübersicht des Robert Koch-Instituts (RKI).

rki.de: „ARE-Wochenbericht: Aktuelles zu akuten respiratorischen Erkrankungen. Kalenderwoche 46“. Wochenbericht (PDF) der Arbeitsgemeinschaft Influenza am Robert Koch-Institut (RKI).

Divi.de: „Aus aktuellem Anlass: Viele Kinderkliniken wegen Atemwegsinfektionen am Limit“. Aktuelle Meldung der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

tagesschau.de: „Warum es so viele RSV-Infektionen gibt“. Online-Meldung von Tagesschau. (Stand: 25. November 2022)

ndr.de: „RS-Virus: Immer mehr Kinder mit Infektion im Krankenhaus“. Online-Meldung des NDR. (Stand: 26. November 2022)

deutschlandfunk.de: „RKI und Divi verzeichnen deutlichen Anstieg der RSV-Erkrankungen“. Online-Meldung von Deutschlandfunk. (Stand: 25. November 2022)

116117.de: „Medizinische Hilfe in der Nacht, am Wochenende und an Feiertagen“. Online-Angebot des ärztlichen Bereitschaftsdienstes.

lungeninformationsdienst.de: „RS-Virus Symptome“. Online-Information des Lungeninformationsdienstes des Helmholtz Zentrums München.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.
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Ann-Kathrin Landzettel M. A. ist Gesundheitsjournalistin aus Leidenschaft. Vor allem zwei Fragen treiben die geprüfte Gesundheits- und Präventionsberaterin an: Wie können wir lange gesund bleiben – und wie im Krankheitsfall wieder gesund werden? Antworten findet sie unter anderem im intensiven Austausch mit Ärztinnen und Ärzten sowie in persönlichen Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Seit fast zehn Jahren gibt sie dieses Wissen rund um Gesundheit, Medizin, Ernährung und Fitness an ihre Leserinnen und Leser weiter.
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