Krebsrisiko: Mögliche Untersuchungen und Tests beim Arzt •

Expertenrat: Wann ist der Brustkrebs-Gentest sinnvoll?

Fünf bis zehn von 100 Brustkrebspatientinnen sind familiär vorbelastet. Häufig ist eine Veränderung der Hochrisikogene BRCA1 und BRCA2 als Ursache zu finden. Dann ist auch das Risiko für Eierstockkrebs erhöht. Spezielle Gentests können mutierte BRCA-Gene und somit auch ein erhöhtes Erkrankungsrisiko erkennen. Für welche Frauen ein solcher Brustkrebs-Risikotest in Frage kommt und was ein positives Ergebnis bedeutet, weiß Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes (KID) vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ).

Gelbe Seiten: Das eigene Brustkrebsrisiko mit Hilfe eines Gentests bestimmen – für welche Frauen kommt diese Untersuchung infrage?

Dr. Susanne Weg-Remers: Eine Untersuchung auf eine Veränderung der Risikogene für Brustkrebs, BRCA1 und BRCA2, ist vor allem für Frauen interessant, in deren Familie bereits blutsverwandte Angehörige an Brustkrebs- oder Eierstockkrebs erkrankt sind. Trägt eine Frau ein mutiertes Brustkrebsgen in sich, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 50 Prozent, dass ihre Geschwister ebenfalls Träger dieses Gens sind – dazu gehören auch männliche Geschwister. Für die eigenen Kinder liegt die Wahrscheinlichkeit ebenfalls bei 50 Prozent. Das veränderte Gen kann sowohl von der Mutter als auch vom Vater vererbt werden. Liegt Brustkrebs oder Eierstockkrebs in der Familie vor, sollten sich Frauen mit ihrem Frauenarzt abstimmen, ob der Gentest für sie in Frage kommt. Hierfür müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein.

Gelbe Seiten: Welche sind das?

Dr. Susanne Weg-Remers: Ein Kriterium ist, wie bereits angesprochen, die familiäre Situation. Sind in der Familie bereits mehrere Frauen an Brustkrebs oder Eierstockkrebs erkrankt, ist ein erblicher Hintergrund wahrscheinlich. Sind die betroffenen Krebspatientinnen zudem sehr jung erkrankt oder haben sie eine besonders aggressive Krebsform, kann ebenfalls über einen Gentest nachgedacht werden. Auch die Erkrankung eines Mannes an Brustkrebs kann ein Hinweis sein. Frauen können ihren Gynäkologen jederzeit auf den Gentest ansprechen und die genauen Kriterien erfragen. Oder der Frauenarzt schlägt den Test von sich aus vor, beispielsweise wenn er anhand der Krankengeschichte der Familie den Verdacht auf eine erbliche Veranlagung hat.

Gelbe Seiten: Wie funktioniert der Brustkrebs-Gentest?

Dr. Susanne Weg-Remers: Neben den Risikogenen BRCA1 und BRCA2 gibt es noch weitere Genveränderungen, die auf ein Krebsrisiko hinweisen können. Entsprechende Tests werden an Blutproben durchgeführt. Idealerweise wird zunächst ein an Brust- oder Eierstockkrebs erkranktes Familienmitglied (Indexpatient) getestet. Wird eine Mutation gefunden, die das Krebsrisiko erhöht, so lässt sich bei den Angehörigen gezielt nach den entsprechenden Genveränderungen suchen.

Gelbe Seiten: Wenn der Gentest ein positives Ergebnis zeigt – was bedeutet das für die betroffene Frau?

Dr. Susanne Weg-Remers: Was der Gentest sicher zeigen kann, ist eine Veränderung (Mutation) der Hochrisikogene für Brustkrebs. Nicht zeigen kann der Test, ob die Frau tatsächlich an Brustkrebs oder Eierstockkrebs erkranken wird. Allerdings ist für Trägerinnen eines Risikogens das Erkrankungsrisiko gegenüber einer Nicht-Trägerin deutlich erhöht.

Man geht davon aus, dass etwa 65 bis 75 Prozent der BRCA1-Mutationsträgerinnen und 45 bis 65 Prozent der BRCA2-Mutationsträgerinnen in Deutschland bis zu ihrem 70. Lebensjahr Brustkrebs bekommen. Sie erkranken zudem häufig früher als Frauen ohne erbliche Belastung, oft schon mit Mitte 40 statt zwischen 50 und 60 Jahren. Etwa zwei Prozent der männlichen Träger mit dem Brustkrebsgen BRCA1 und sieben Prozent der Träger des BRCA2-Gens erkranken bis zum 70. Lebensjahr an Brustkrebs. Tragen Männer das Risikogen in sich, ist zudem ihr Prostatakrebs- und Pankreaskrebs-Risiko erhöht.

Gelbe Seiten: Zu wissen, ein Hochrisikogen für Brust- beziehungsweise Eierstockkrebs in sich zu tragen, ist eine große psychische Belastung. Wie geht es nach der Diagnose weiter? Was können die betroffenen Frauen tun?

Dr. Susanne Weg-Remers: Wichtig nach dem Erhalt eines positiven Befundes ist eine ausführliche Beratung der betroffenen Frauen. Für sie ist es wichtig, die Situation einschätzen zu können und ihre Behandlungsmöglichkeiten zu kennen. Abhängig vom individuellen Ergebnis und vom Alter ist es eine Option, an einem intensivierten Früherkennungsprogramm für Brustkrebs teilzunehmen. Mit zunehmendem Alter und nach Abschluss der Familienplanung, kann die Möglichkeit einer Brustamputation und/ oder der Entfernung der Eierstöcke besprochen werden. Welchen Weg die Frau geht, ist ihre persönliche Entscheidung. 

Gelbe Seiten: Ist die Amputation der Brüste beziehungsweise die Entfernung der Eierstöcke ein sicherer Krebsschutz?

Dr. Susanne Weg-Remers: Einen 100-prozentigen Schutz vor Krebs können diese Eingriffe nicht bieten, aber sie können das Lebenszeit-Erkrankungsrisiko für Brust- und/ oder Eierstockkrebs deutlich senken. Zum Beispiel bleibt bei der vorbeugenden Brustamputation die Brustwarze in der Regel erhalten. In der Brustwarze münden die Milchgänge, in denen sich ebenfalls Krebs bilden kann. Lassen Frauen nur die Brüste entfernen, ist immer noch das Risiko für Eierstockkrebs erhöht. Werden allein die Eierstöcke entfernt, sinkt auch das Risiko für Brustkrebs, da damit die Produktion der weiblichen Geschlechtshormone deutlich reduziert wird.

Wie Sie sehen, ist das Thema sehr komplex und es gibt verschiedene Möglichkeiten vorzubeugen. Deshalb ist eine ausführliche Aufklärung für die Trägerinnen eines veränderten Brustkrebsgens so wichtig. Nur wenn die Frauen gut informiert sind und die Vor- und Nachteile der einzelnen Behandlungsoptionen kennen, können sie die für sie richtige Entscheidung treffen. Viele Mutationsträgerinnen entscheiden sich für eine Operation. Sie möchten nicht mit der „tickenden Zeitbombe“ im Körper leben.

Gelbe Seiten: Welche Möglichkeiten haben Frauen, wenn sie sich nicht operieren lassen möchten?

Dr. Susanne Weg-Remers: Entscheiden sich Frauen gegen einen operativen Eingriff, haben sie die Möglichkeit, ein intensiviertes Krebsfrüherkennungsprogramm wahrzunehmen. Je nach dem Alter der Frau werden neben der Tastuntersuchung auch bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Magnetresonanztomographie oder Mammographie eingesetzt. Früherkennungsuntersuchungen für Eierstockkrebs gibt es bislang nicht.

Gelbe Seiten: Wenn Frauen zuhause ihre Brüste selbst abtasten möchten, worauf sollten Sie achten?

Dr. Susanne Weg-Remers: Der beste Zeitpunkt zum Abtasten der Brüste ist eine Woche nach der Periode. Dann ist das Gewebe weich und Veränderungen lassen sich leichter erfühlen. Ein guter Ort ist unter der Dusche. Das warme Wasser entspannt das Gewebe zusätzlich. Warnzeichen sind knotige Veränderungen in der Brust beziehungsweise über oder unter dem Schlüsselbein sowie in den Achselhöhlen. Weitere Symptome, die ärztlich abgeklärt werden sollten, sind Absonderungen aus der Brustwarze, Hautveränderungen (Orangenhaut), Dellen sowie Stellen, an denen die Haut eingezogen aussieht. Entzündungen und Ekzeme sollten Frauen ebenfalls ernst nehmen.

Gelbe Seiten: Vielen Dank für das Gespräch.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

Dr. Susanne Weg-Remers
Experte

Dr. Susanne Weg-Remers ist Leiterin des Krebsinformationsdienstes (KID) vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

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