Narzissmus: Therapie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung
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Narzissmus: Therapie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Die Narzissmus-Therapie gestaltet sich oft schwierig. Da Betroffene selten selbst unter ihrer Persönlichkeitsstörung leiden, kommen sie nur in Ausnahmefällen auf die Idee, ihren Narzissmus behandeln zu lassen.

Wie wird die Diagnose Narzissmus gestellt?

Bei einem Verdacht auf eine narzisstische Störung hilft ein Schnelltest. Er besteht aus einer einzigen Frage: “In welchem Maße stimmen Sie der Aussage “Ich bin ein Narzisst” zu?” Auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht) bis 7 (vollständig) müssen sich die Betroffenen selbst einordnen. Narzissten geben einen recht hohen Wert an, da sie ihren Narzissmus als etwas Positives empfinden.

Eine fundierte Diagnose kann mit einem sogenannten NPI-Test gestellt werden. Die Abkürzung steht für “Narcissistic Personal Inventory” und heißt auf Deutsch “Narzisstisches Persönlichkeitsinventar”. Verschiedene, detaillierte Fragebögen zeigen die Schwere und die individuelle Struktur des Narzissmus auf.

Ist Narzissmus heilbar?

Wirklich heilen lassen sich Narzissten nicht. Das Verhalten und der Umgang mit der eigenen Persönlichkeitsstruktur lassen sich allerdings schulen, sodass sie weniger Schwierigkeiten mit ihren Mitmenschen haben – und umgekehrt. Therapeuten werden weniger den Narzissmus behandeln, als vielmehr die Symptome reduzieren.

Gründe für eine Therapie bei Narzissmus

Narzisstische Menschen leiden zwar unbewusst durchaus, können aber nicht anerkennen, dass das Problem bei ihnen selbst liegt. Deshalb haben sie auch selten Motivation, den Narzissmus behandeln zu lassen. Meist sind es Folge- und Begleiterkrankungen, die Narzissten dazu veranlassen, therapeutische Hilfe zu suchen. Häufige Gründe für einen Therapiebeginn sind:

  • Depressionen
  • Sucht
  • Suizidversuche
  • Verlust des Arbeitsplatzes
  • Scheidung 
  • Erreichen des Rentenalters

In derartigen Krisen kollidieren Selbstbild und Realität besonders heftig, was dann zu dem Wunsch führt, besser mit diesen Situationen umgehen zu können. Als Ursache des Problems werden die Umstände betrachtet, nicht die eigene Persönlichkeit. Neben dem Narzissmus treten häufig noch andere Persönlichkeitsstörungen auf, wie zum Beispiel Borderline, Paranoia und Zwänge.

Ziele einer Narzissmus-Therapie

Narzissmus geht oft mit sozial destruktivem Verhalten einher. Die Therapie versucht, dieses Verhalten in konstruktivere Bahnen zu lenken. Es geht also vor allem um Schadensbegrenzung. Die Narzissmus-Therapie konzentriert sich dabei unter anderem auf Folgendes:

  • Festigung des instabilen Selbstbildes
  • Förderung einer realistischen Selbsteinschätzung
  • Steigerung des Selbstwertgefühls
  • Einsicht in eigenes Fehlverhalten und dessen Konsequenzen
  • Verbesserung sozialer Fertigkeiten
  • Schulung der Empathiefähigkeit
  • Besserer Umgang mit negativen Emotionen, Niederlagen und Schwächen

Therapiemethoden bei Narzissmus: Psychoanalyse

In der Psychoanalyse nach Kernberg und Clarkin wird der Patient damit konfrontiert, dass seine immense Selbstüberschätzung ein Abwehrmechanismus gegen Wut, Aggression und Neid ist. Dieser psychoanalytische Ansatz funktioniert nur sehr selten. Meist kommt es zu verfrühten Therapieabbrüchen.

Kohut entwickelte einen anderen Ansatz, um Narzissmus mittels Psychoanalyse zu behandeln. Der Therapeut begegnet dem Patienten stets einfühlsam und respektvoll – ganz egal wie dieser sich dem Therapeuten gegenüber verhält. So kann der Narzisst innerhalb der Therapie die Erfahrung machen, dass er als Person geschätzt wird, auch wenn er nicht ständig bewundert wird. Durch diese Steigerung des Selbstwertgefühls werden die Ausprägungen der narzisstischen Erkrankung verringert – soweit zumindest die Theorie.

Narzissmus behandeln lassen: kognitive Verhaltenstherapie als Methode

Bei der kognitiven Verhaltenstherapie wird der Narzissmus nicht moralisch gewertet. Es geht weniger darum, gezielt den Narzissmus behandeln zu lassen, sondern den Patienten von seinem Leidensdruck zu befreien und ihm dabei zu helfen, wieder sozial kompatibel zu sein. Der Therapeut bespricht mit seinem Patienten konkrete Erfahrungen und Probleme und leitet daraus Schwierigkeitsfelder ab, die für den Patienten typisch sind.

Patient und Therapeut widmen sich dann der Bearbeitung dieser konkreten Probleme. Häufig geht es darum, Denkmuster zu verändern. So soll etwa das Schwarz-Weiß-Denken zwischen “Ich bin der Größte!” und “Ich bin absolut wertlos” nuancierter werden.

Therapiemethoden bei Narzissmus: Klärungsorientierte Verhaltenstherapie

Auch bei der klärungsorientierten Verhaltenstherapie geht es um die Behandlung konkreter Problemfelder. Der Narzisst wird dabei in sogenannten Ein-Personen-Rollenspielen zu seinem eigenen Therapeuten – natürlich begleitet und aufgearbeitet von einem echten Psychotherapeuten. Da der Narzisst mit sich selbst spricht, kann er offener und emotionaler an seine Probleme herantreten, als das mit anderen Personen möglich ist, da er keine Fassade aufrechterhalten muss und sich selbst für kompetent hält.

Patient-Therapeut-Verhältnis entscheidend für Behandlungserfolg

Wenn Therapeuten Narzissmus behandeln, ist es eine ständige Gratwanderung: Gegenüber dem Patienten dürfen sie weder überlegen erscheinen – das ertragen Narzissten nicht – noch zu schwach wirken – dann wird der Patient sie nicht ernst nehmen und versuchen, sie zu manipulieren.

Gute Chancen haben Therapeuten, die den Narzissten auf Augenhöhe begegnen, als gleichberechtigte Menschen auftreten und offen mit ihren eigenen Schwächen und Fehlern umgehen. Auf diese Weise kann mit etwas Glück das Vertrauen des Patienten gewonnen werden, sodass er bereit ist, Hilfe anzunehmen.

Aufgrund der geringen Erfolgschancen und der enormen Belastungen für den Therapeuten während einer Narzissmus-Therapie weigern sich viele Psychotherapeuten, narzisstische Patienten überhaupt zu betreuen.

Sind Psychopharmaka sinnvoll, um Narzissmus zu behandeln?

Psychopharmaka können nicht den Narzissmus behandeln. Da narzisstisch gestörte Menschen aber häufig unter schweren psychischen Begleiterkrankungen leiden, sind sie dennoch oft Teil der Therapie. Gegen die häufig auftretenden Depressionen können zum Beispiel Stimmungsaufheller helfen.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

SM
Autor/-in
Sascha Müller
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