eCall: Der umstrittene Lebensretter

Ab Frühling 2018 müssen alle Neuwagen über eCall verfügen. Das Notrufsystem wählt automatisch 112 und soll jährlich 2500 Menschenleben retten. Dennoch hagelt es Kritik aus den Reihen der Datenschützer.

Die Idee ist eigentlich schon alt, genauer gesagt rund 40 Jahre. In den 80er-Jahren testete die deutsche Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) im Armaturenbrett verbaute Notfunkgeräte. Das sollte pro Auto 500 DM kosten, plus einer Milliarde DM für die Errichtung eines bundesweiten Peilmastennetzwerks. Zu teuer, befanden die Verantwortlichen, und das Projekt verschwand wieder in der Schublade.

Bis kurz nach der Jahrtausendwende, als im April 2002 die EU-Initiative eSafety ins Leben gerufen wurde, um mithilfe von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien für mehr Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen. Zentraler Baustein dieser Zielsetzung war ein europaweites Notrufsystem, genannt eCall (Emergency Call), dessen Umsetzung sich jedoch immer weiter verzögerte.

Exklusive Lösungen

Das schürte Ungeduld innerhalb von eSafety, einer öffentlich-privaten Kooperation zwischen der Europäischen Kommission und Telekommunikationsfirmen, Straßenbauämtern, Verkehrsdienstleistern und Autoherstellern. Letztere suchten eigenständig nach Lösungen und nannten sie Connect SOS (Peugeot), OnCall (Volvo) oder OnStar (General Motors). Diese Dienste sind allerdings zumeist kostenpflichtig und nur in Premiumpaketen enthalten. Außerdem landen die Notrufe nicht direkt bei den Rettungskräften, sondern zuerst bei den Callcentern der Autohersteller.

Oder bei jenen der Autoversicherer: Im März 2016 präsentierte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) den zusammen mit IBM und Bosch entwickelten Unfallmeldedienst (UMD). Dazu notwendig sind ein Handy samt App plus ein Unfallmeldestecker, gekoppelt an die 12-V-Steckdose, besser bekannt als Zigarettenanzünder. Sobald der Stecker über seine Sensoren einen Crash registriert, schickt er die Unfalldaten per Bluetooth an das Smartphone und die darauf installierte Unfallmelde-App setzt den Notruf ab.

Wie funktioniert eCall?

Das eCall-System funktioniert ähnlich, nur ohne Handy und Zusatzstecker. Die automobilen Crashsensoren erkennen Unfälle anhand abrupter Beschleunigungs-, Druck- oder Körperschalländerungen und benachrichtigen diverse Steuergeräte, um Airbags, Gurtstraffer oder Gurtkraftbegrenzer auszulösen – oder eben den Notruf. Hierzu ist ein separates eCall-Steuergerät erforderlich, zudem benötigen die Fahrzeuge eigene Module für das Satellitennavigationssystem Galileo und den Mobilfunkstandard GSM.

Das Notrufsystem kann auch manuell per Knopfdruck aktiviert werden, beispielsweise von Unfallzeugen. Über die Euronotrufnummer 112 meldet sich dann ein sogenannter Public Safety Answering Point (PSAP), eine Notrufzentrale, die je nach Notfall die Rettung, Feuerwehr und/oder Polizei alarmiert. Mitgeschickt wird ein Mindestdatensatz, bestehend aus Fahrzeug-Identifizierungsnummer, GPS-Position, Fahrtrichtung, Uhrzeit, Antriebsart und Anzahl der Insassen.

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Contra eCall: Potenzieller Datenmissbrauch

Mehr Informationen dürfen nicht übermittelt werden. Die Weitergabe an Dritte ist verboten und die Daten müssen auf Wunsch nach dem Einsatz vollständig und dauerhaft gelöscht werden. Darauf legten die EU-Parlamentarier im April 2015 bei ihrer Diskussion über den Gesetzesentwurf besonderen Wert, dennoch blieben Zweifel. Die Grünen etwa stimmten gegen die Verordnung, schließlich bringe eCall eine anlasslose Überwachung des gesamten Autoverkehrs mit sich, die mit den Grundrechten nicht ansatzweise vereinbar sei, sagte Ulrike Lunacek, Grünen-Politikerin und eine der Vizepräsidenten des EU-Parlaments.

Die Liberalen beantragten, das Notrufsystem solle ein- und ausschaltbar sein, fanden dabei jedoch nicht genügend Unterstützer. In eine ähnliche Kerbe schlagen der ADAC, der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) und weitere Verbände, die offene Schnittstellen für den Datentransfer fordern, damit die Fahrer selbst entscheiden können, an wen sie ihre Daten senden. Diese ließen sich nämlich, so die Befürchtung, auch für kommerzielle Zwecke nutzen, etwa für „Pay As You Drive“-Versicherungsmodelle, die anhand des Fahrstils eine Risikobewertung vornehmen und die Prämien entsprechend anpassen.

Pro eCall: Potenzielle Lebensrettung

Die Abstimmung am Ende der Plenarsitzung ergab: Ab 31. März 2018 müssen alle neuen Pkw und leichten Nutzfahrzeuge mit eCall ausgestattet werden, eine Verpflichtung für Lkw und Busse könnte folgen. Offenbar sah die Mehrheit der Entscheider den Schutz der Privatsphäre ausreichend gewahrt und gewichtete die Chancen, Leben zu retten, höher als die Gefahren, Daten zu missbrauchen.

Beispielsweise wurde erhoben, dass ein manuell getätigter Telefonnotruf im Schnitt 76 Sekunden dauert, ein eCall hingegen nur 24 Sekunden. Die Differenz rührt daher, dass die Anrufer – sofern sie überhaupt bei Bewusstsein sind – oftmals den genauen Standort nicht kennen, unter Schock stehen oder der Landessprache nicht mächtig sind.

Laut Schätzungen der EU-Kommission reduzieren sich dank eCall die Reaktionszeiten der Notdienste in der Stadt um 40 % und am Land um 50 %, wodurch die Zahl der Verkehrstoten um 10 % gesenkt werden kann. Das entspricht EU-weit rund 2500 geretteten Menschenleben pro Jahr, zuzüglich der Verhinderung vieler schwerer Verletzungen.