Expertenrat: „Bloß keine Selbstmedikation aufgrund eines Selbsttests“
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Expertenrat: „Bloß keine Selbstmedikation aufgrund eines Selbsttests“

Selbsttests aus der Apotheke sind beliebt. Ganz ohne aufwändige Verfahren und lange Wartezeiten beim Arzt versprechen sie eine schnelle Diagnose für zuhause. Doch ganz so einfach ist es nicht. Selbsttests Risiko: Welche Selbsttests für den Heimgebrauch geeignet sind und welche Risiken Selbsttests bergen können, weiß Dr. Ursula Sellerberg, stellvertretende Pressesprecherin der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

Gelbe Seiten: Zu fast jeder Erkrankung scheint es den passenden Selbsttest zur Diagnose zu geben. Ist es wirklich ratsam, in den eigenen vier Wänden auf Ursachenforschung zu gehen?

Dr. Ursula Sellerberg: Jeder Mensch hat das Recht, sich selbst zu testen, egal ob über gekaufte Selbsttests aus der Apotheke oder mit Hilfe von frei zugänglichen Fragebögen, die es im Internet gibt. Er sollte sich aber immer die Frage stellen, ob der Test ihm nutzt und ob er dafür Geld ausgeben möchte. Oftmals ist der direkte Weg zum Arzt die bessere Wahl. Die Tests können eine Erkrankung selbst meist gar nicht erkennen, sondern lediglich einen Hinweis darauf geben. Es ist Aufgabe des Arztes, den Verdacht auf eine Erkrankung zu bestätigen oder auszuräumen.

Gelbe Seiten: Welche Nachteile können Selbsttests möglicherweise haben?

Dr. Ursula Sellerberg: Die Verwendung von Selbsttests für zuhause scheint auf den ersten Blick einfach zu sein. Dennoch kann es dabei zu Anwendungsfehlern kommen, die das Ergebnis verfälschen. Auch kann es sein, dass die Tests nicht richtig interpretiert werden. Oder die Tests sind nicht aussagekräftig genug für die Erkrankung, die der Patient testen möchte. Dann kann es passieren, dass eine vorliegende Erkrankung möglicherweise nicht erkannt wird und sich der Patient in falscher Sicherheit wiegt. Eine andere Möglichkeit ist, dass der Selbsttest ein Ergebnis zeigt, das den Patienten ängstigt und besorgt. Mit diesen Gefühlen muss er dann umgehen, bis er einen Termin beim Arzt hat.

Gelbe Seiten: Viele nehmen auf eigene Faust Medikamente ein und verzichten ganz auf den Gang zum Arzt…

Dr. Ursula Sellerberg: Es kann gesundheitliche Folgen haben, wenn ein Patient aufgrund eines Selbsttests zur Selbstmedikation greift. Noch kritischer ist es, wenn er die Selbstmedikation möglicherweise auf ein Ergebnis abstimmt, das nicht stimmt. Ich rate daher dringend, bei Selbsttests einen Arzt zu Rate zu ziehen, sobald das Test-Ergebnis Hinweise auf einen körperlichen Mangel oder eine Erkrankung gibt.

Gelbe Seiten: Wie zuverlässig sind solche Selbsttests?

Dr. Ursula Sellerberg: Kein Test ist 100-prozentig sicher. Selbst wenn der Selbsttest eine Sicherheit von 99,9 Prozent bietet, bedeutet das, dass eine Person von 1.000 eine falsche Diagnose in den Händen hält. Überlegen Sie sich daher immer, ob Sie mit Ihrem Anliegen gleich zum Arzt gehen. Dieser kann im Bedarfsfall weiterführende Untersuchungen durchführen – und Sie haben einen Ansprechpartner. Denken Sie zum Beispiel an Selbsttests, die Krebserkrankungen oder einen Herzinfarkt aufzeigen sollen. Möchten Sie diese wirklich alleine in den eigenen vier Wänden durchführen?

Gelbe Seiten: Welche Tests können in der Apotheke durchgeführt werden?

Dr. Ursula Sellerberg: Viele Tests, darunter beispielsweise Blutdruck-, Cholesterin- und Blutzuckermessungen können Sie in der Apotheke durchführen lassen. Dort haben Sie ebenfalls einen Ansprechpartner. Fragen Sie Ihren Apotheker oder Ihre Apothekerin, wie Sie mit dem Testergebnis umgehen sollen und ob Sie eventuell ein anderes Mal zu einer weiteren Messung vorbeikommen. Es gibt Tests, bei denen ein einzelnes Testergebnis in der Regel nicht aussagekräftig ist. Hier müssen die Werte im Verlauf betrachtet werden. Etwa bei Blutzuckermessungen oder eben Blutdruckmessungen.

Gelbe Seiten: Wer dennoch einen Selbsttest zuhause durchführen möchte - welche Tipps haben Sie?

Dr. Ursula Sellerberg: Informieren Sie sich vor dem Kauf über den Selbsttest und darüber, wie zuverlässig er eingestuft wird. Die ABDA zum Beispiel stuft Schwangerschaftstests, Blutdruck- und Blutzuckermessungen sowie Messungen der Blutfettwerte als empfehlenswert ein. Achten Sie bei Cholesterintests darauf, dass diese zwischen HDL- und LDL-Cholesterin unterscheiden. Ergänzend zu einer einmaligen Blutzuckermessung kann möglicherwiese eine Langzeit-Blutzuckermessung sinnvoll sein. Müssen Sie regelmäßig Ihren Blutdruck oder Blutzucker messen, kann der Arzt oder der Apotheker Ihnen zeigen, worauf Sie achten müssen. Möglicherweise können Sie an speziellen Schulungen teilnehmen, damit Sie sich mit den Messungen sicher fühlen.

Gelbe Seiten: Vielen Dank für das Gespräch.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

Profilbild von Dr. Ursula Sellerberg
Experte/-in
Dr. Ursula Sellerberg

Dr. Ursula Sellerberg ist stellvertretende Pressesprecherin der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. (ABDA)

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