Gibt es Heilung bei Borderline? Therapie der Persönlichkeitsstörung
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Gibt es Heilung bei Borderline? Therapie der Persönlichkeitsstörung

Bei Borderline muss die Therapie individuell auf den jeweiligen Patienten angepasst werden. Allen Therapiemöglichkeiten ist jedoch gemein, dafür zu sorgen, dass Betroffene besser mit ihren Emotionen umgehen können. Welcher der richtige Ansatz ist, zeigt sich oft im Laufe der Behandlung.

Borderline-Therapie ist ein steiniger Weg

Oftmals ist bei Borderline die Therapie alles andere als einfach. Das liegt vor allem an der Tatsache, dass Betroffene einzelne Menschen, mit denen sie viel zu tun haben, bei Sympathie rasch idealisieren. Das passiert entsprechend oft mit den Therapeuten, die den Patienten freundlich begegnen und ihnen helfen wollen. Bleiben dann rasche Erfolge aus oder geschieht im Rahmen der Therapie etwas, das die Betroffenen nicht gut finden, schlägt die starke Bewunderung schnell in Ablehnung um.

Es kommt nicht von ungefähr, dass zahlreiche Menschen mit Borderline die Therapie abbrechen oder den Therapeuten wechseln. Das ist einer der Gründe dafür, warum die Störung so lange als mehr oder minder untherapierbar galt.

Dialektisch-behaviorale Therapie bei Borderline

In den 1990er Jahren entwickelte die amerikanische Psychologieprofessorin Marsha M. Linehan die sogenannte dialektisch-behaviorale Therapie. Es handelt sich dabei um eine besondere Form der kognitiven Verhaltenstherapie, die auf diese spezielle Persönlichkeitsstörung zugeschnitten ist. Sie setzt sich aus mehreren Phasen zusammen. Schon im Vorfeld wird mit den Betroffenen darüber gesprochen, dass und warum so viele Menschen mit Borderline ihre Therapie abbrechen. Es wird erklärt, wie man die Anzeichen erkennen und dagegen vorgehen kann.

In der ersten Phase der eigentlichen Therapie gegen Borderline ist dann die Stabilisierung der erste wichtige Punkt: Die Patienten bekommen Strategien vermittelt, dank derer sie sich selbst nicht weiter körperlich schädigen. Außerdem beginnt hier das Erlernen der sogenannten “Skills”. Diese sind Verhaltensweisen, mit denen die Betroffenen ihre Gefühle unter Kontrolle halten können. Spüren sie, dass die innere Spannung an Intensität zunimmt und es zu selbstverletzendem Verhalten zu kommen droht, können sie sie in bestimmte Bahnen lenken und kontrollieren.

“Sofortmaßnahmen” für Borderline-Patienten

Es gibt eine lange Liste möglicher Skills im Rahmen der dialektisch-behavioralen Therapie:

  • Körperliche Betätigung wie etwa Joggen.
  • Ablenkende Reize wie Eiswürfel oder kaltes Wasser, das über die Unterarme gegossen wird.
  • Kauen von Chilischoten oder Brausetabletten.
  • Tragen eines Gummibandes am Arm, das man bei Bedarf auf die Haut schnellen lassen kann, um einen Schmerzreiz auszulösen.

Was simpel klingt, hilft in schwierigen Situationen tatsächlich erst einmal weiter: Ehe die dunkle Flut wieder steigt, verschaffen sich die Betroffenen so eine kleine Auszeit und die Möglichkeit, die Situation neu zu bewerten. Oftmals findet dieses Training in der Gruppe mit anderen Borderlinern statt.

Traumata bleiben Teil der Vergangenheit

Ebenfalls ein Teil der dialektisch-behavioralen Therapie bei Borderline ist die Auseinandersetzung mit den traumatischen Erlebnissen, die der Störung Vorschub geleistet haben. Allerdings wird bei dieser Behandlung ein anderer Weg eingeschlagen als in anderen Therapien: Hier wird nicht alles erneut durchlebt und aufgearbeitet, sondern es wird verdeutlicht, dass das Erlebte zwar Teil der eigenen Biografie ist, aber in der Vergangenheit liegt, also in einem zeitlich abgeschlossenen Bereich.

Nach dem Erlernen der Skills und dem Verstehen, was die Störung mit verursacht hat, folgt die dritte Phase der Therapie gegen Borderline: Die Betroffenen lernen, ihr neues Wissen und ihre neuen Fähigkeiten im Alltag anzuwenden. Sie kontrollieren mit den unter Aufsicht erlernten Tricks ihre Gefühle, achten darauf, dass sie nicht wieder zu sehr in das typische Schwarz-Weiß-Denken abgleiten, und erkennen, dass sie selbst wertvoll sind. Sie werden achtsamer gegen sich selbst und ihre Mitmenschen und lernen, Lebensziele zu definieren und mit ihrer Umsetzung zu beginnen.

Psychodynamisch-konfliktorientierte Therapie bei Borderline

In der psychodynamisch-konfliktorientierten Therapie geht es vor allem darum, dass die Betroffenen ihre negativen Erfahrungen mit ihren aktuellen problematischen Beziehungen in Verbindung bringen. Indem sie die frühen negativen Erfahrungen ganz aufarbeiten, können sie die aktuellen Baustellen von einem völlig anderen Ansatz aus angehen. Teil dieser Form von Therapie bei Borderline ist, dass die Patienten mithilfe der Therapeuten ein neues Selbstbild entwickeln und es stärken.

Sie lernen, nicht mehr nur in Schwarz und Weiß oder Gut und Böse zu denken, sondern zu differenzieren. Auch hier werden Strategien vermittelt, mit denen Impulse und Gefühle reguliert werden können, und die allgemeine Beziehungsfähigkeit wird verbessert. Dieser Ansatz hat sich vor allem bei Erwachsenen als hilfreich erwiesen.

 Es ist wichtig, dass Borderline-Patienten die Therapie nicht vorzeitig abbrechen.
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Es ist wichtig, dass Borderline-Patienten die Therapie nicht vorzeitig abbrechen.

Weitere mögliche Therapieansätze

Gerade bei Kindern und Jugendlichen sollte in die Therapie von Borderline auch die Familie einbezogen werden. So können Eltern und Geschwister genauer verstehen, was mit der betroffenen Person passiert, und eventuelle Übel können direkt an der Wurzel gepackt werden.

Die Schematherapie geht davon aus, dass wir grundsätzlich Gedanken- und Gefühlsmuster entwickeln. Wer als Kind etwa einen großen Verlust erlitten hat, wächst oft als misstrauischer Mensch heran, der damit rechnet, verlassen zu werden. Diese Schemata sollen erkannt und aufgebrochen werden, sodass der Betroffene Situationen und Menschen unvoreingenommen begegnen kann.

Die mentalisierungsbasierte Therapie bei Borderline hilft den Patienten, das ihnen oft unverständliche Verhalten ihrer Mitmenschen besser zu durchdringen. Sie lernen, Hintergründe zu verstehen und so das Verhalten anderer genauer analysieren zu können.

Viele Borderline-Patienten neigen dazu, Erfahrungen aus zwischenmenschlichen Beziehungen – etwa zu den Eltern – auf andere Menschen zu übertragen. Dieses Muster arbeiten Betroffene im Rahmen der übertragungsfokussierten Psychotherapie mit dem Therapeuten gemeinsam auf. Der Betroffene erkennt schließlich, wie er die Übertragung in seinem Beziehungsverhalten vornimmt, und kann daran arbeiten, das nicht mehr zu tun. Dazu gehört auch, eingefahrene Denkstrukturen aufzubrechen und nicht mehr in Extreme zu unterteilen.

Intensität der Therapie bei Borderline

Die meisten Formen der Therapie bei Borderline können ambulant durchgeführt werden. Vor allem aber, wenn der Betroffene in seinem Umfeld kaum Halt hat, sich selbst stark verletzt oder zu Suizid tendiert, ist ein stationärer Aufenthalt ratsam. Gerade jungen Menschen tun die geordneten Strukturen in einer Klinik meist sehr gut. Und auch die Entdeckung, dass man nicht allein ist, sondern dass es viele andere Borderliner gibt, mit denen man gemeinsam an sich arbeiten kann, ist für viele Patienten eine Erleichterung.

Medikamente sind nur in manchen Fällen angeraten, etwa, wenn eine Depression mit der Störung einhergeht. Hier werden unter Aufsicht etwa Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer verabreicht. Auch Stimmungsstabilisierer haben sich in einzelnen Fällen als hilfreich erwiesen, ebenso wie moderne Antipsychotika und Opioidrezeptorantagonisten. Niemals aber reichen Medikamente allein zur Therapie von Borderline aus.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

SH
Autor/-in
Svenja Hauke
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