Expertenrat: "Herzinfarkt durch Stress ist möglich"
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Expertenrat: "Herzinfarkt durch Stress ist möglich"

Viele hechten von einem Termin zum nächsten. Hier noch ein Meeting, dort die Kinder abholen, das Auto in die Werkstatt bringen. Doch zu viel Stress belastet auf Dauer das Herz. Herzinfarkt durch Stress: Wie kritisch Zeitdruck ist, weiß Karl-Heinz Ladwig, Professor für Psychosomatische Medizin und Medizinische Psychologie an der Technischen Universität München und dem Helmholtz Forschungszentrum. Der Experte, der auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung e.V. ist, forscht schon lange zum Thema Stress.

Gelbe Seiten: Was macht Stress mit dem Körper?

Professor Karl-Heinz Ladwig: Stressige Phasen kennt jeder. Kritisch wird es dann, wenn der Körper keine Zeit für Erholung hat und die nötigen Entspannungspausen ausbleiben. Das hat für den Körper Folgen. Das autonome Nervensystem wird hochgefahren. In Folge nimmt die Insulinausschüttung zu, der Herzschlag beschleunigt, der Blutdruck steigt und eine Vielzahl an Stresshormonen wird ausgeschüttet. Kurzfristig hilft das dem Körper, der Belastung standzuhalten. Auf Dauer schadet es.

Gelbe Seiten: Welche Auswirkungen hat Stress für die Gesundheit?

Professor Karl-Heinz Ladwig: Andauernder negativer Stress schwächt das Immunsystem und setzt Entzündungsreaktionen in Gang. Diese Entzündungsreaktionen erhöhen unter anderem das Risiko für Diabetes, Schlaganfall, Arteriosklerose und Herzerkrankungen wie Herzinfarkt oder Herzrhythmusstörungen

Gelbe Seiten: Stress kann für das Herz also zu einer echten Gefahr werden?

Professor Karl-Heinz Ladwig: Auf Dauer ja. Hinzu kommt, dass Gestresste eher zu ungesunden Verhaltensweisen neigen, zum Beispiel rauchen, vermehrt Alkohol trinken oder häufiger zu fett- und zuckerreichen Speisen greifen. Übergewicht kann die Folge sein. Zudem haben Gestresste weniger Zeit für Sport und Bewegung. Alles Faktoren, die die Herzgesundheit gefährden.

Gelbe Seiten: Herzinfarkt durch Stress ist also ein Risiko. Wie genau wirken sich Stresshormone auf das Herz aus?

Professor Karl-Heinz Ladwig: Die Stresshormone, darunter Cortisol und Adrenalin, wirken toxisch und erhöhen das Herzinfarkt-Risiko deutlich. Cortisol etwa setzt Entzündungsprozesse in Gang, die das Aufbrechen arteriosklerotischer Plaques in den Arterien begünstigen. Werden Teile dieser Verkalkungen mit dem Blut zum Herzen gespült, können sie dort wichtige Gefäße verstopfen und einen Herzinfarkt auslösen. Auch in den Herzgefäßen selbst können Entzündungen zur Bildung von Blutgerinnseln führen.

Gelbe Seiten: Bei welchen Warnzeichen sollte jeder einen Gang zurückschalten?

Professor Karl-Heinz Ladwig: Jeder Körper hat ein ganz individuelles Stresslimit – und sendet Warnzeichen, wenn es zu viel wird. Der sensibelste Indikator, dass der Mensch dringend Entspannung braucht, sind Schlafstörungen. Sind Sie häufig erschöpft und müde, sollten Sie ebenfalls einen Gang runterschalten. Auch wenn Sie ständig Kaffee trinken, um wach und leistungsfähig zu sein, ist das ein Signal, dass der Körper Ruhe braucht.

Gelbe Seiten: Zeit also für einen gemütlichen Abend auf der Couch…

Professor Karl-Heinz Ladwig: Im Genenteil. Ein entspannter Abend auf der Couch mag auf den ersten Blick attraktiv sein. Ihrem Herzen tun Sie damit aber keinen Gefallen. Körperliche Aktivität ist, was den Entspannungs- und Gesundheitsfaktor angeht, deutlich besser. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird deutlich gesenkt. Der Blutdruck sinkt und Stresshormone werden abgebaut. Übergewicht wird vorgebeugt. Dafür muss es kein schweißtreibender Sport sein. Auch der flotte Spaziergang oder die Runde auf dem Fahrrad tun dem Herzen gut. Studien haben außerdem gezeigt, dass Bewegung von der Wirkung her sogar mit Antidepressiva mithalten kann.

Gelbe Seiten: Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

A L
Autor/-in
Ann-Kathrin Landzettel
P K
Experte/-in
Professor Karl-Heinz Ladwig

Professor Karl-Heinz Ladwig ist Professor für Psychosomatische Medizin und Medizinische Psychologie an der Technischen Universität München und dem Helmholtz Forschungszentrum. Der Experte ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung e.V. und forscht schon lange zum Thema Stress.

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