Ausbildung zum Notfallsanitäter - Interview mit Patrick Lehmann

Patrick Lehmann war schon während seiner Schulzeit ehrenamtlich tätig. Und so wusste er früh, dass er nach dem Fachabitur weiter beim Deutschen Roten Kreuz arbeiten möchte. Wie seine Tätigkeiten als ehrenamtlicher Sanitäter aussahen und wie es ihm in der jetzigen Notfallsanitäter-Ausbildung geht, erzählt er ausführlich im Interview.

Ausbildungsnavigator: Viele Berufswünsche ergeben sich, wenn man selbst noch zur Schule geht. Wie war das bei dir? Wusstest du schon in der Schulzeit, was du später machen willst?

Patrick Lehmann: Ja, mit 16 war ich parallel zur Schule ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz aktiv. Ich habe mich im Laufe meines Fachabiturs informiert und festgestellt, dass es eine nagelneue Berufsausbildung gibt. Ich habe mich dann auch direkt beworben und war froh, dass das alles so gut geklappt hat.

Was hast du zur Schulzeit ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz gemacht?

Ich war beim Deutschen Roten Kreuz als ehrenamtlicher Sanitäter tätig. Ich habe an den Wochenenden Kurse beim DRK besucht und hatte dadurch die Möglichkeit bei Fußballspielen oder Veranstaltungen ehrenamtlich Dienst zu verrichten. Ich fand das so interessant, dass ich gemerkt habe, das möchte ich gerne hauptberuflich machen.

Wie bist du bei deiner jetzigen Ausbildungsstelle gelandet?

Da ich im Hochtaunuskreis zur Schule gegangen bin, habe ich mich dort auch beim Deutschen Roten Kreuz beworben. Ich musste allerdings ein Jahr warten, da ich 2013 mit der Schule fertig war und die neue Notfallsanitäter-Ausbildung erst 2014 gestartet ist.

Wie sah das Vorstellungsgespräch in deinem Fall aus?

Mittlerweise gibt es ein Auswahlverfahren, welches aus einem schriftlichen, einem sportlichen und einem psychologischen Test (Assessment-Center) besteht. Erst wenn man alle drei Stufen bestanden hat, gibt es im internen Unternehmen ein Bewerbungsgespräch.

Hast du dich auf das Auswahlverfahren vorbereitet?

Die Einstellungstests sind vergleichbar mit denen bei Polizei oder Bundeswehr. Es gibt einen sportlichen Test, welcher aus Kraft, Ausdauer und Koordination besteht. Zudem auch einen schriftlichen Test aus Allgemein- und Grundwissen, wie Grundrechenarten, Rechtschreibung und ein bisschen Fremdsprache. Wenn man in allen Bereichen eine Grundfitness aufweisen kann, was man in der Regel hat, wenn man die Schule verlässt, dann braucht man da keine ganz besondere und intensive Vorbereitung.

Wie sah der Assessment-Test beim Deutschen Roten Kreuz aus?

Wir hatten ein Gruppeninterview, in dem wir eine gruppendynamische Aufgabe lösen mussten. Hier wurde dann unser Verhalten von den Lehrkräften der Berufsfachschule beurteilt. Wenn man sich nicht verstellt, sich teamfähig gibt und gute Lösungsvorschläge bringt, ist es eigentlich auch kein Hexenwerk.

Gab es diese Art von Test schon immer?

Nein, früher gab es diese Tests nicht. Da es immer einen Fachkräftemangel gab, musste man sich einfach nur bewerben. Die Tests gibt es jetzt neu für das neue Berufsbild mit den höheren Qualifikationen.

Wie waren deine ersten Tage in deinem Betrieb?

Die ersten Tage waren in unserem eigenen Betrieb, also beim Deutschen Roten Kreuz im Hochtaunuskreis. Hier wurden wir von der Rettungsdienstleitung und der Ausbildungsabteilung begrüßt und im Unternehmen vorgestellt. Wir bekamen eine Begrüßungsmappe und haben einen Überblick über alles bekommen: Wo wir uns geografisch befinden, wo die ganzen Rettungswachen sind, wie viele Einsätze es gibt, wie das Unternehmen strukturiert ist. Wir haben alles kennengelernt, sind mit dem Ausbildungsleiter alle Rettungswachen abgefahren. Wir hatten dann direkt auch die Chance uns mit den anderen Auszubildenden auszutauschen und kennenzulernen. Nach den ersten zwei Tagen ging es dann auch gleich los mit dem ersten Schulblock. In der Berufsfachschule in Frankfurt, welche auch vom Roten Kreuz betrieben wird, kommen alle Auszubildenden aus Hessen zusammen. Hier fingen wir mit den gesetzlichen Grundlagen im Rettungsdienst in Deutschland und mit weiteren Einführungen an. Nach acht Wochen ist es für uns dann das erste Mal auf die Rettungswache gegangen.

Was waren deine Aufgaben, die du eigenständig oder in Zusammenarbeit getätigt hast?

Die gesamte Ausbildung besteht aus Theorie in der Schule und Praxis auf der Rettungswache und in der Klinik. Das erste Praktikum habe ich im Klinikum auf einer allgemeinen Pflegestation gemacht. Da die Auszubildenden im Normalfall, wenn sie aus der Schule kommen noch nicht so viel mit kranken Menschen zu tun hatten, kommen sie hier zum ersten Mal mit diesen im geschützten Rahmen in Berührung. Dazu gehört dann das volle Programm: Waschen, Reinigen, Pflegen. Hemmungen sollen dadurch verloren gehen. Im ersten Rettungswagen-Praktikum fährt man mit zwei erfahrenen Kollegen zu Notfalleinsätzen. Man bekommt zu Beginn natürlich erstmal alles gezeigt: Was sich im Rettungswagen befindet und welche Materialien bei Einsätzen dabei sein müssen. Beim Einsatz wird man von seinen zwei Kollegen unterstützt und unterstützt diese auch. Bedeutet, am Anfang darf man einfache Tätigkeiten, wie Blutdruckmessen, Blutzuckermessen und den Transport an sich, ausführen. Viele Aufgaben werden zunächst aber immer im Klinikum geübt bevor man sie draußen tätigt.

Gibt es seit du deine Ausbildung angefangen hast große Veränderungen für dich?

Die Schulanteile der Ausbildung sind ähnlich wie in der Schule. Unterricht haben wir von 9:00 Uhr bis 16:00 Uhr. Der Dienst im Rettungsdienst ist allerdings eine große Veränderung. Wenn man gerade aus der Schulzeit kommt, ist eine 12-stündige Schicht schon recht anstrengend. Der Dienst beginnt dann nämlich schon morgens um 6:00 Uhr und geht bis 18:00 Uhr. Vor allem in den ersten Tagen war man sehr von den anstrengenden Einsätzen und den neuen Eindrücken erschlagen. Im späteren Verlauf kamen dann auch Feiertags- und Nachtdienste dazu, die die größte Umstellung darstellen. Es war nichts dabei, was einen überfordert hat, eine Umstellung kann man aber nicht leugnen.

Gibt es dadurch für dich größere Einschränkungen auf deine Freizeit?

Natürlich, gerade weil der Freundeskreis oft ganz geregelte Arbeitszeiten hat und man selbst dann schauen muss, wenn man am Wochenende oder in der Nacht arbeiten muss. Bei jeder Geburtstagsfeier kann man nicht dabei sein.

Wie sieht jetzt im dritten Jahr ein typischer Ausbildungstag bei dir aus?

Der Arbeitstag auf der Rettungswache läuft so ab, dass man morgens zum Dienst erscheint und sich seine Dienstkleidung, welche vom Arbeitsgeber gestellt wird, anzieht. Wenn man sich umgezogen hat, begrüßt man seine Kollegen und bespricht mit ihnen die Schicht- und Fahrzeugübernahme. Hier wird dann geprüft ob alles da ist und anschließend dokumentiert man alles. Die Einsätze, die einen erwarten, sind ganz unterschiedlich. Es gibt ganz klassische Notfalleinsätze, wie Herzinfarkte und Schlaganfälle, also sogenannte internistische Notfälle. Diese Notfälle sind relativ häufig. Was seltener der Fall ist, sind chirurgische Notfälle wie zum Beispiel Verkehrsunfälle, Fahrradstürze, Motorrad- oder Sportunfälle. Das interessante an den Beruf ist, dass man morgens nie weiß, was auf einen zukommt.

Wie verläuft die Ausbildung in den verschiedenen Lehrjahren?

Im ersten Lehrjahr fährt man als dritte Person mit und begleitet die Kollegen. Im zweiten Lehrjahr fährt man dann auch das Rettungsfahrzeug und unterstützt den verantwortlichen Notfallsanitäter. Im dritten Lehrjahr fährt man als Beifahrer mit einem Notfallsanitäter und übernimmt die Tätigkeiten eigenverantwortlich. Im zweiten Jahr beginnen dann auch die Tag-, Nacht- und Wochenendschichten.

Unterscheidet sich eine Nacht- sehr von einer Tagschicht?

Es ist tatsächlich anders. Es kommt zwar immer auf die Rettungswache an, auf der man eingeteilt ist, aber ja, man muss sich umstellen. Der Einsatzort ist oft dunkel, man muss sich Sachen ausleuchten und hat schlechte Lichtverhältnisse. Selten kann es auch einmal zu Einsätzen kommen, bei denen es das Rettungsdienstpersonal mit schwierigen Menschen zu tun hat. Man hat in der Nacht auch öfter mal mit Drogenabhängigen oder alkoholisierten Personen zu tun, was teilweise die ablehnende Haltung gegenüber dem Rettungsdienst erklärt. Nachtdienste sind daher tatsächlich ein bisschen gefährlicher als Tagdienste.

Wann bist du immer in der Berufsschule? Und wie sieht dein Alltag in der Berufsschule aus?

Da wir der erste Lehrgang in dem Ausbildungsberuf sind, sind die Klassen recht überschaubar. Wir sind etwa 15 Schüler pro Klasse, mehr dürfte es aber auch nicht sein, da wir viele praktische Übungen durchführen. Neu ist, dass unsere Dozenten studiert haben müssen. Daher sind unsere Dozenten meist Lehrer oder Medizinpädagogen. Der Unterricht ist sowohl theoretisch, als auch praktisch. Ganz wichtig in der Schule sind die gesetzlichen Grundlagen für den Rettungsdienst. Hier lernen wir wie wir uns in bestimmten Vorfällen verhalten müssen. Neu ist auch das Thema Kommunikation. Wir haben bei einem Diplom-Psychologen Kommunikationsunterricht. Wir besprechen in der Theorie Kommunikationsmodelle und führen Gruppengespräche oder Fallbeispiele durch. Zudem haben wir viel Englisch- und Gebärdenspracheunterricht, damit wir mit allen Patientengruppen kommunizieren können. Im theoretischen Unterricht haben wir zum Beispiel das Thema Herz, Lunge, Kreislauf. Wir besprechen was den Körper betrifft und lernen biologische, als auch chemische Grundlagen.

Hast du schon mal an deiner Berufswahl gezweifelt?

Nein, würde ich nicht sagen. Es gibt immer etwas neues, wodurch der Beruf interessant bleibt. Bis jetzt habe ich noch nicht an meiner Berufswahl gezweifelt.

Was reizt dich an deinem Beruf? Gibt es etwas was deinen Beruf ausmacht?

Es hört sich vielleicht blöd an, aber es ist tatsächlich der Reiz, dass irgendwo draußen eine Person ist, die unsere Hilfe benötigt und wir alles dafür tun, dass es der Person besser geht oder wir sie aus einer schweren Situation rausholen können. Man muss vor Ort immer improvisieren. Es läuft nie nach Lehrplan ab, man ist immer wo anders und lernt die Stadt oder den Stadtkreis ganz anders kennen. Man kommt in Gebäudekomplexe, in Hotels oder in Industrieanlagen, in die man normalerweise nie reinkommen würde. Man gerät in Situationen, die man nur aus dem Fernsehen kennt und muss innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen.

Was muss man für den Beruf des Notfallsanitäters mitbringen?

Ganz wichtig finde ich eine hohe Auffassungsgabe. Man muss Situationen schnell erkennen und schnelle Entscheidungen treffen können. Entscheidungskompetenz ist neben Teamfähigkeit ganz wichtig.

War ein Studium jemals eine Alternative für dich?

Ein Studium wäre für mich keine Alternative gewesen. Interessanterweise besteht aber beim Notfallsanitäter die Möglichkeit neben der Ausbildung ein berufsbegleitendes Studium zu belegen. Das Studium heißt Management für Gefahrenabwehr und mit diesem kann man viel mehr administrative Aufgaben durchführen. Eventuell mache ich das Studium auch im Nachgang der Ausbildung, das geht nämlich auch.

Wie sieht dein beruflicher Plan nach Abschluss der Ausbildung aus?

Nach den drei Jahren sind wir voll in unserem Betrieb integriert. Wir bekommen eine Rettungswache zuteilt, auf der wir tätig sind. Nach vielleicht ein, zwei oder auch drei Jahren gesammelter Berufserfahrung würde ich dann gerne den Praxisanleiter ausüben. Als Praxisanleiter ist man für die Auszubildenden verantwortlich und begleitet diese in der Ausbildung.

Würdest du deinen Ausbildungsberuf weiterempfehlen wollen?

Auf jeden Fall. Wenn jemand diese Skills hat, sich für die Materie interessiert und jeden Tag Abwechslung möchte, dem empfehle ich vor allem diese neue Ausbildungsform.

Was ist besonders an deinem Ausbildungsbetrieb?

Der Hochtaunuskreis ist absolut abwechslungsreich. Man hat einmal die urbanen Strukturen der größeren Städte wie Bad Homburg, Oberursel und Friedrichsdorf, wo man die Stadtrettung kennenlernt. In der Feldbergregion hat man dazu eine ziemlich ländliche Region. Im Rettungsdienst hat man daher die gesamte Palette an Einsätzen. Außerdem wird mit den Auszubildenden super umgegangen. Man wird fair behandelt, die Bezahlung ist übertariflich und an den öffentlichen Dienst angelehnt. Ich bin super zufrieden mit dem Ausbildungsbetrieb im Hochtaunuskreis und kann ihn nur weiterempfehlen.

Gibt es noch irgendetwas was du Schülern oder angehenden Auszubildenden mitgeben willst?

Man sollte sich auf jeden Fall breit aufstellen und sich viele Informationen einholen. Die Möglichkeit von Praktika und Schnuppertagen sollte man wahrnehmen, um seine Stärken und Schwächen erkennen zu können. Und wenn man sich für eine Sache entschieden hat, sollte man diese auch zielstrebig durchziehen.

Wir bedanken uns bei Patrick Lehmann für das interessante Gespräch und die tollen Einblicke in den Alltag eines angehenden Notfallsanitäters und wünschen weiterhin viel Erfolg in der Ausbildung.

Das Interview führte Jonas Löffel für den Ausbildungsnavigator von Gelbe Seiten.

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