Verhütung für den Mann: Verhütungsgel im Samenleiter soll Spermien stoppen
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Verhütung für den Mann: Verhütungsgel im Samenleiter soll Spermien stoppen

Verhütung für Männer ist nach wie vor ein überschaubares Feld. Aktuell gibt es nur das Kondom und die Sterilisation als zuverlässige Verhütungsmethode. Doch die Forschung lässt hoffen. Unter anderem soll in den USA dieses Jahr ein Verhütungsgel für Männer getestet werden. Urologe und Sexualmediziner Dr. Axel-Jürg Potempa weiß, welche Verhütungsmethoden für Männer zukünftig vielversprechend sein könnten.

Gelbe Seiten: Welche Verhütungsmöglichkeiten gibt es für Männer bislang?

Dr. Axel-Jürg Potempa: Bislang haben Männer nur zwei Verhütungsmöglichkeiten: Entweder benutzen sie ein Kondom oder sie entscheiden sich für die Vasektomie, also die Sterilisation. Kondome belegen Platz eins der Verhütungsmethoden bei Männern. Der Pearl-Index von Kondomen liegt bei 2 bis 12. Das heißt: 2 bis 12 Frauen von 100 werden bei der Verhütung mit Kondom schwanger. Außerdem haben sie den großen Vorteil, dass sie vor Geschlechtskrankheiten schützen. 

Gelbe Seiten: Viele Männer empfinden Kondome als Störfaktor. Haben Sie einen Tipp?

Dr. Axel-Jürg Potempa: Für viele Männer ist das Kondom eine unangenehme Unterbrechung beim Liebesspiel, das stimmt. Dabei ist die Verwendung von Kondomen vor allem eines: Übungssache. Ist das Kondom im Bett 'normal', ist es auch kein Lustkiller.

Gelbe Seiten: Möchte der Mann ohne Kondom verhüten, bleibt ihm bislang nur die Sterilisation (Vasektomie). Entscheiden sich viele Männer für diesen endgültigen Schritt?

Dr. Axel-Jürg Potempa: Die Sterilisation beim Mann ist relativ häufig. Ich habe jede Woche etwa fünf Beratungsgespräche. Die Hälfte der Männer entscheidet sich anschließend für den Eingriff. Wichtig für Männer zu wissen ist: Die Sterilisation beim Mann hat keinen Einfluss auf das Lustempfinden, das Steifwerden des Penis, den Orgasmus und den Samenerguss. Auch die Menge der Samenflüssigkeit bleibt gleich: Die Spermien machen nur etwa fünf Prozent des Ejakulats aus.

Gelbe Seiten: Was genau passiert bei der Vasektomie beim Mann?

Dr. Axel-Jürg Potempa: Die Vasektomie beim Mann wird meist ambulant und unter örtlicher Betäubung in einer urologischen Praxis durchgeführt. Der Eingriff dauert ungefähr eine halbe Stunde. Dabei werden die beiden Samenleiter durchtrennt und die losen Enden anschließend durch Abbinden, Hitze, Titanclips oder chemische Substanzen verschlossen und in verschiedene Gewebeschichten des Hodensacks verlegt, um ein Zusammenwachsen zu verhindern. Möglich ist auch, die Samenleiter nicht nur zu durchtrennen, sondern sie zudem ein Stück zu kürzen. Die Vasektomie beim Mann ist deutlich unkomplizierter und mit weniger Risiken verbunden als die Sterilisation der Frau.

Gelbe Seiten: Wie sicher ist die Sterilisation beim Mann?

Dr. Axel-Jürg Potempa: Der Pearl-Index der Sterilisation beim Mann liegt bei 0,1. Das heißt, dass von 1000 Paaren, die ein Jahr ungeschützten Geschlechtsverkehr haben und auf diese Verhütungsmethode vertrauen, eine Partnerin schwanger wird. Im Vergleich: Der Pearl-Index der Pille zur Verhütung bei der Frau liegt mit 0,1 bis 0,9 höher. Dennoch gibt es auch hier keine hundertprozentige Sicherheit. Sehr selten kommt es vor, dass die durchtrennten Samenleiter wieder zusammenwachsen. Der Körper ist da ein kleines Wunderwerk, der sein Ziel, sich fortzupflanzen, hartnäckig verfolgt.

Gelbe Seiten:  Warum konnte sich die Pille für den Mann, die 2011 getestet wurde, nicht durchsetzen?

Dr. Axel-Jürg Potempa: Die internationale Studie wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) abgebrochen, da die Nebenwirkungen zu stark waren. Die Männer bekamen alle zwei Monate eine Spritze mit Testosteron und Gestagen. Die Folge waren unter anderem Hautprobleme, Gewichtszunahme, Depressionen und Verlust der Libido. Die gleichen Nebenwirkungen wie bei der Pille für die Frau. Dass die Antibabypille für die Frau zugelassen wurde, liegt allein daran, dass die Zulassungskriterien in den 60iger Jahren lockerer waren. Heute würde auch die Pille für die Frau nicht mehr auf den Markt kommen.

Gelbe Seiten: Im Gespräch ist auch ein Verhütungsgel. Was hat es damit auf sich?

Dr. Axel-Jürg Potempa: Das Polymer-Gel "Vasalgel" wird dieses Jahr in den USA an Männern getestet. Das Verhütungsgel wird in die Samenleiter gespritzt und soll für die Samenflüssigkeit, nicht aber für die Spermien selbst durchlässig sein. Sie können sich das wie ein Filtersystem vorstellen. An Tieren wurde das Gel bislang mit Erfolg getestet. Jetzt bleibt abzuwarten, wie es am Menschen funktioniert – und ob das Gel wirklich reversibel ist und die Fruchtbarkeit nach der Auflösung des Gels wieder hergestellt ist.

Gelbe Seiten: Welche Verhütungsmöglichkeiten für den Mann werden derzeit noch erforscht?

Dr. Axel-Jürg Potempa: Ebenfalls geforscht wird seit einigen Jahren an einem Implantat als Verhütungsmethode für den Mann. Durch Knopfdruck soll sich ein in die Samenleiter implantiertes Ventil öffnen und schließen lassen. Ob es das Ventil auf den Markt schafft, ist unklar. Es gibt zudem Forschungen, die bei dem in den Hoden produzierten Enzym TSSK2 ansetzen, das die Beweglichkeit der Spermien beeinflusst. Spannend wird, ob es ein Verfahren auf den Markt schafft. Wünschenswert wäre es. Verhütung sollte nicht nur Aufgabe der Frauen sein.

Gelbe Seiten:  Es gibt Männer, die sich bei der Verhütung auf den Coitus interruptus verlassen…

Dr. Axel-Jürg Potempa: Das stimmt. Immer wieder gibt es Männer, die auf den Coitus interruptus als Verhütungsmethode vertrauen. Das heißt, sie ziehen den Penis kurz vor dem Samenerguss aus der Scheide. Von dieser Methode rate ich ab. Im Rausch der Lust die Kontrolle zu behalten und daran zu denken, rechtzeitig zu unterbrechen – das ist alles andere als eine zuverlässige Verhütungsmethode für Männer. Außerdem kann bereits vor dem Orgasmus etwas Samenflüssigkeit austreten, die von dem Paar unbemerkt bleibt. Der Pearl-Index des Coitus interruptus liegt bei 4 bis 30, das heißt, zwischen 4 und 30 Frauen von 100 werden bei dieser Methode schwanger.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

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Autor/-in
Ann-Kathrin Landzettel

Ann-Kathrin Landzettel M. A. ist Gesundheitsjournalistin aus Leidenschaft. Vor allem zwei Fragen treiben die geprüfte Gesundheits- und Präventionsberaterin an: Wie können wir lange gesund bleiben – und wie im Krankheitsfall wieder gesund werden? Antworten findet sie unter anderem im intensiven Austausch mit Ärztinnen und Ärzten sowie in persönlichen Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Seit fast zehn Jahren gibt sie dieses Wissen rund um Gesundheit, Medizin, Ernährung und Fitness an ihre Leserinnen und Leser weiter.

 

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Experte/-in
Dr. Axel-Jürg Potempa

Dr. Axel-Jürg Potempa ist Urologe am Kompetenzzentrum für Urologie, Andrologie, Sexual- und Partnerschaftsmedizin für Sie und Ihn in München und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU).

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