Expertenrat: „Schmerzmittel können Schmerzen verursachen“
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Expertenrat: „Schmerzmittel können Schmerzen verursachen“

„Schmerzmittel können Schmerzen verursachen“, weiß Dr. med. Astrid Gendolla, Ärztin für spezielle Schmerztherapie am Regionalen Schmerzzentrum Essen und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS). Wann Schmerzen durch Schmerzmittel verursacht werden können - und wie Patienten vorbeugen.

Gelbe Seiten: Frau Dr. Gendolla, immer wieder hört man, dass Schmerzen durch Schmerzmittel ausgelöst werden können – was genau ist damit gemeint?

Dr. Astrid Gendolla: Eine längerfristige Einnahme von Schmerzmitteln kann chronische Dauerkopfschmerzen auslösen. Mediziner sprechen dann von sogenannten Medikamentenübergebrauchskopfschmerzen, kurz MÜK. Durch die regelmäßige – und teilweise auch übermäßige – Einnahme von Schmerzmitteln kann es zu Veränderungen im Nervensystem kommen. Das Nervensystem, das für die Verarbeitung der Schmerzreize verantwortlich ist, fordert die Schmerzmittel irgendwann regelrecht ein.

Gelbe Seiten: Ein Gewöhnungseffekt also, der vor allem bei Patienten auftritt, die aufgrund bestimmter Erkrankungen regelmäßig Schmerzmittel einnehmen müssen?

Dr. Astrid Gendolla: Genau. Und hier beginnt für viele Patienten ein echter Teufelskreis. Aufgrund der Kopfschmerzen greifen die Betroffenen immer öfter zu Schmerzmitteln. Viele erhöhen die Dosis immer weiter. Hier hilft nur eine Medikamentenpause. Diese sollte allerdings immer unter Aufsicht eines Arztes erfolgen. Viele Schmerzmedikamente müssen langsam ausgeschlichen werden. Auf keinen Fall sollten Schmerzpatienten ihre Schmerzmittel in Eigenregie absetzen.

Gelbe Seiten: Sollte man Schmerzmittel überhaupt ohne Absprache mit einem Arzt einnehmen?

Dr. Astrid Gendolla: Über einen kurzen Zeitraum ist das durchaus möglich. Im Akutfall können Sie Schmerzmittel durchaus ein paar Tage am Stück nehmen, ohne dass es kritisch wird. Wichtig ist, dass Sie auf die Einnahmeempfehlungen achten. Bessern sich Ihre Beschwerden nach zwei bis drei Tagen nicht, sollten Sie zum Arzt gehen. Schmerz ist immer ein Alarmsignal des Körpers und muss abgeklärt werden.

Gelbe Seiten: Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen für die Einnahme von Schmerzmitteln. Haben Sie einen Tipp für Schmerzgeplagte?

Dr. Astrid Gendolla: Wer unter Rückenschmerzen leidet, sollte sich bewusst sein, dass Schmerzmittel nur bedingt helfen. Sie hemmen zwar die Signalübertragung des Schmerzes, packen das Problem aber nicht an der Wurzel. In den meisten Fällen sind es Verspannungen aufgrund von Fehlhaltungen und Fehlbelastungen, die die Beschwerden auslösen. Statt Schmerzmittel zu nehmen, ist es besser, die Rückenmuskulatur langfristig zu stärken und beweglich zu halten. Schmerzmittel sind eher zu Beginn sinnvoll: Dann nämlich nehmen sie den Schmerz und machen Bewegung erst möglich.

Gelbe Seiten: Viele schonen sich – ist das falsch?

Dr. Astrid Gendolla: Eine verspannte Rückenmuskulatur braucht Bewegung, um sich zu lockern. Wenn Sie sich schonen, hilft das Ihrem Rücken nicht. Im Gegenteil: Oftmals ist es gerade eine bestimmte Schonhaltung, welche die Beschwerden zusätzlich verstärkt. Seien Sie aktiv – das tut Ihrem Rücken gut. Bewegen Sie sich nicht, laufen Sie Gefahr, dass die Schmerzen chronisch werden.

Gelbe Seiten: Schmerzmittel sind also eine wichtige Unterstützung – in den meisten Fällen aber keine Lösung…

Dr. Astrid Gendolla: Sofern es das Krankheitsbild zulässt, sollten Schmerzmittel immer nur in der Akutphase Anwendung finden. Wenn es eine Alternative gibt, ist diese zu bevorzugen. Die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln ist mit vielen möglichen Nebenwirkungen verbunden, die für die Gesundheit kritisch sind. Dazu gehören Magenblutungen und Magengeschwüre ebenso wie Leber- und Nierenschäden. Die Schmerzmittel-Regel lautet immer: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Und im Idealfall geht es ohne. Um beim Beispiel Rückenschmerzen zu bleiben: Bei den meisten Rückenschmerz-Patienten hat sich Bewegung als deutlich effektiver erwiesen, als die Einnahme von Schmerzmitteln. Das haben Studien gezeigt.

Gelbe Seiten: Vielen Dank für das Gespräch.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

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Autor/-in
Ann-Kathrin Landzettel

Ann-Kathrin Landzettel M. A. ist Gesundheitsjournalistin aus Leidenschaft. Vor allem zwei Fragen treiben die geprüfte Gesundheits- und Präventionsberaterin an: Wie können wir lange gesund bleiben – und wie im Krankheitsfall wieder gesund werden? Antworten findet sie unter anderem im intensiven Austausch mit Ärztinnen und Ärzten sowie in persönlichen Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Seit fast zehn Jahren gibt sie dieses Wissen rund um Gesundheit, Medizin, Ernährung und Fitness an ihre Leserinnen und Leser weiter.

 

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Experte/-in
Dr. med. Astrid Gendolla

Dr. med. Astrid Gendolla ist Ärztin für spezielle Schmerztherapie am Regionalen Schmerzzentrum Essen und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS).

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