Dyskalkulie bei Erwachsenen: Wenn die Rechenschwäche erst spät erkannt wird
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Dyskalkulie bei Erwachsenen: Wenn die Rechenschwäche erst spät erkannt wird

Fälle von Dyskalkulie bei Erwachsenen sind weitaus häufiger, als die meisten Menschen annehmen: Die Betroffenen verstecken die Rechenschwäche oft sehr gut. Allerdings leiden sie im Alltag darunter und schränken sich selbst ein. Dabei behebt eine Dyskalkulietherapie auch bei erwachsenen Menschen die Schwäche und erleichtert das Leben erheblich.

Rechenschwäche verschwindet nicht von allein

Wer als Kind eine Rechenschwäche hatte, die nicht behandelt wurde, behält sie auch, wenn er älter wird. Dyskalkulie bei Erwachsenen ist grundsätzlich also immer die Folge einer unbehandelten Dyskalkulie in der Kindheit. Die Hoffnung, dass sich das Unverständnis für Zahlen irgendwann von allein gibt, erfüllt sich nicht: Zu tief sitzen die Missverständnisse. Betroffene brauchen auf jeden Fall die Hilfe von Fachleuten, um die Schwäche zu besiegen. Ansprechpartner für eine Dyskalkulietherapie finden Sie auch unter diesem Artikel gelistet.

Entgegen häufiger Annahmen kann Dyskalkulie bei Erwachsenen sogar schneller therapiert werden als bei Kindern. Durch das zunehmende Alter wird die Therapie nicht etwa schwieriger: Erwachsene kennen schon zahlreiche Situationen, in denen sie das Gelernte anwenden können. So lassen sich leichter gedankliche Verknüpfungen herstellen, die man sich gut merken kann.

Dyskalkulie bei Erwachsenen schränkt den Alltag ein

Wer als Kind eine Rechenschwäche hat, der ist in Mathematik schwach und bekommt schlechte Noten. Dagegen hat Dyskalkulie bei Erwachsenen aber noch andere Auswirkungen: Einfache Alltagssituationen werden zu schwierigen Aufgaben. Wer an der Rechenschwäche leidet, kann zum Beispiel mit Fahrplänen nicht gut umgehen und hat Probleme damit, das Wechselgeld zu überprüfen. Das Überschlagen von Summen ist ein Albtraum, und Brüche oder Prozentzahlen, die überall vorkommen, bringen die Betroffenen in Bedrängnis: Für sie gibt es keine klar unterschiedlichen Vorstellungen von einem Drittel und einem Viertel, und beim Abschluss eines Kredits, zum Beispiel für eine Baufinanzierung, wissen sie nicht, was die Prozentzahlen bedeuten sollen.

Da Situationen, in denen den Betroffenen ihre Rechenschwäche so vor Augen geführt wird, extrem unangenehm sind, vermeiden viele von ihnen weitestgehend alles, was sie daran erinnert. Das bedeutet aber auch, dass durch Dyskalkulie bei Erwachsenen viele Dinge, die man vielleicht gern getan hätte, nicht passieren.

Auswirkungen auf die Psyche

Je länger die Dyskalkulie bei Erwachsenen besteht, desto schlimmer können die Auswirkungen auf die Psyche der Betroffenen sein. In den meisten Fällen sorgt die Rechenschwäche nämlich dafür, dass das Leben anders verläuft, als es sonst möglich gewesen wäre. Wer mit Mathematik gar nicht zurechtkommt, kann in den meisten Fällen auch andere Schulfächer wie Physik oder Informatik abschreiben. Der Abschluss fällt dann zumeist deutlich schlechter aus, als wenn es keine Schwäche gegeben hätte. Dies wiederum führt zu eingeschränkten Arbeits- oder Studienmöglichkeiten.

Viele Betroffene bekommen in der Ausbildung durch ihre Rechenschwäche irgendwann wirklich große Probleme. Das führt in den schlimmsten Fällen zum Abbruch der Berufsausbildung, in den besseren Fällen aber auch immer noch zu einem eingeschränkten Selbstwertgefühl. Dyskalkulie bei Erwachsenen ist häufig mit Scham, Angst und einem Gefühl von Hilflosigkeit verbunden.

Anzeichen für die Rechenschwäche

Auch wenn es zunächst seltsam erscheint: Dyskalkulie bei Erwachsenen ist für die Betroffenen selbst oft nur schwer einzuschätzen. Sie sind nicht sicher, ob sie wirklich daran leiden oder ob sie einfach “schlecht in Mathe” sind. Es gibt einige Anzeichen, die Sie bei sich prüfen können, wenn Sie feststellen möchten, ob Sie an der Rechenschwäche leiden: Hatten Sie als Kind Nachhilfe in Mathematik, ohne dass Sie nennenswerte Fortschritte gemacht haben? Haben Sie sich mit Auswendiglernen beholfen, statt Formeln zu durchdringen und zu verstehen? Rechnen Sie heute noch lieber mit dem Taschenrechner oder mit den Fingern als im Kopf? Fehlt Ihnen die Einsicht in mathematische Objekte wie Bruch- oder Prozentzahlen, mit denen andere Leute keine Probleme haben? Beantworten Sie diese Fragen mit Ja, dann sollten Sie sich erst einmal unverbindlich von einem Lerntherapeuten beraten lassen.

Die Therapie für Dyskalkulie bei Erwachsenen

Der Lerntherapeut stellt gezielt Fragen und macht Übungen, um ein Profil Ihres mathematischen Verständnisses zu erstellen. Das fällt nämlich bei allen Betroffenen unterschiedlich aus, und die Häufigkeit und Intensität Ihrer Therapie ist davon abhängig, wie viel Sie aufzuholen haben und wie dringend es für Sie ist. Zahlreiche Erwachsene mit Rechenschwäche suchen sich nämlich erst dann Hilfe, wenn sie im Job oder in der Ausbildung Probleme bekommen. In diesen Fällen wird die Therapie zielgenau erst einmal auf den aktuellen Bedarf zugeschnitten.

Dyskalkulie bei Erwachsenen wird, wenn die Betroffenen ohne akutes Problem im Job zur Therapie kommen, zunächst durch die Vermittlung der Grundrechenarten bekämpft. Es gibt hier Strategien, die in der Schule nicht zur Anwendung kommen, die aber dafür sorgen, dass die lebenslangen Missverständnisse rund um die Mathematik verschwinden und auch weg bleiben. Zunächst wird das Rechnen im Zahlenraum bis 100 trainiert, aber sobald hier etwas Übung und Vertrauen aufgebaut werden konnte, wird das Feld erweitert. Teil der Therapie ist es, zu verstehen, dass alle Rechenarten zusammenhängen und im Alltag auch übergreifend angewendet werden können.

Inwiefern lohnt sich die Therapie der Rechenschwäche?

Haben Sie den Verdacht, dass Sie an Rechenschwäche leiden könnten, lohnt sich die Therapie für Sie auf jeden Fall. Überwinden Sie die Schwäche, verschwinden mit ihr viele negativen Gefühle wie Angst und Scham. Der Alltag wird für Sie einfacher zu meistern, und im Beruf können Sie ganz andere Aufgaben übernehmen als zuvor. Besteht die Notwendigkeit, spricht der Therapeut auch mit Ihrem Arbeitgeber, Ausbilder oder Arbeitsvermittler und berät ihn hinsichtlich des Themas Dyskalkulie bei Erwachsenen.

Sprechen Sie mit den Ansprechpartnern bei Ihrer Krankenkasse darüber, ob sie die Kosten für die Therapie der Dyskalkulie bei Erwachsenen übernehmen. Einige Kassen tun das, andere nicht, daher lohnt sich das Nachfragen. Alternativ können Sie sich auch unter bestimmten Voraussetzungen ans Arbeitsamt wenden: Ist ersichtlich, dass Sie nach der Therapie besser vermittelbar sind, kann auch das Amt die Kosten erstatten. Für junge Erwachsene, die ihre Rechenschwäche bekämpfen wollen, springt in manchen Fällen auch das Jugendamt noch ein.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

SM
Autor/-in
Sascha Müller
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