Borderline: Beziehungsverhalten bei der Persönlichkeitsstörung
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Borderline: Beziehungsverhalten bei der Persönlichkeitsstörung

Charakteristisch für die Borderline-Persönlichkeitsstörung sind ein impulsives Verhalten und starke Stimmungsschwankungen. Ein typisches Borderline-Beziehungsverhalten kann oft zu Konflikten mit dem Partner führen, da es für Nichtbetroffene schwer nachvollziehbar erscheint.

Was ist Borderline?

Wer unter einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Typ Borderline – also einer Borderline-Störung oder einem Borderline Syndrom – leidet, hat üblicherweise große Angst davor, verlassen zu werden und allein zu sein. Im Gegenzug haben Betroffene jedoch oft auch Angst vor Nähe, sodass sie in ihrem Beziehungsverhalten zwischen bedingungsloser Liebe und scheinbar grundloser Ablehnung schwanken. Fremden gegenüber verhalten sich Borderliner oft sehr distanziert, in einer Partnerschaft aber extrem aufopferungsvoll. “Borderline” lässt sich mit “Grenzlinie” übersetzen und Betroffene balancieren sozusagen auf der Grenze zwischen zwei Extremen. Da Borderliner sehr empfindsam sind, genügt oft eine Kleinigkeit, damit sie ins eine oder andere Extrem kippen.

Zwischen Liebe und Hass: Borderline-Beziehungsverhalten

Wenn Sie mit jemandem zusammen sind, der an dieser Persönlichkeitsstörung leidet, fällt Ihnen sicher ein bestimmtes Borderline-Beziehungsverhalten auf, das typisch für die Störung ist: So wird Ihr Partner Sie und andere abwechselnd idealisieren und abwerten, sehr impulsiv und emotional reagieren und dabei auch launisch sein. Vielleicht bemerken Sie auch seine große Verlustangst oder eine Angst vor Einsamkeit, Eifersucht und Jähzorn. Die Impulse und Triebe eines Menschen mit Borderline-Störung müssen sofort erfüllt werden, dabei können die Forderungen auch vollkommen unangemessen sein.

Borderliner & Sexualität: Ein Dilemma

Die meisten Borderliner verspüren durchaus den Wunsch nach erotischer Liebe, fürchten sich gleichzeitig aber davor. Zur Auflösung dieses Dilemmas verfallen sie häufig in Extreme: absolute Vermeidung von Sexualität oder suchthafte Promiskuität.

Aufreizende Kleidung und erotisch provozierendes Verhalten sind bei Borderlinern nicht unbedingt ein Indiz dafür, dass sie das erotisch-romantische Miteinander suchen – im Gegenteil. Häufig lässt sich dieses Phänomen bei männlichen und weiblichen Borderlinern beobachten, die gar keinen Körperkontakt wollen. Vielmehr handelt es sich dabei um eine von vielen Strategien zur Manipulation.

Andere Borderliner neigen zum anderen Extrem und zeigen ein riskantes Sexualverhalten, das teilweise einen Suchtcharakter bekommen kann. Sie kompensieren ihre Angst vor Nähe durch Übertreibung. Häufig wechselnde Sexualpartner ohne Rücksicht auf sexuell übertragbare Krankheiten und immer gefährlichere Sexualpraktiken sind dann möglich.

Polymorphe Sexualität bei Borderlinern

Aufgrund ihrer Ich-Schwäche – einer Unsicherheit über die eigene Identität, das eigene Selbstbild – neigen viele Borderliner dazu, an ihrer eigenen sexuellen Orientierung zu zweifeln und entwickeln eine polymorphe Sexualität: Mal denken sie, sie seien heterosexuell, dann fühlen sie sich wieder zum eigenen Geschlecht hingezogen und meinen, sie seien homosexuell. Auch die bevorzugten Praktiken variieren je nach Partner. In Ermangelung einer eigenen erotischen Identität werden sie schnell zu allem, was der Sexualpartner (vermeintlich) begehren könnte.

Sexueller Missbrauch findet sich in über 50 Prozent der Biografien von Borderline-Patienten. Häufig suchen sie eine Reproduktion ihres Traumas. Die enge biochemische Verknüpfung von Angst und Sex im Gehirn tut dazu ihr Übriges.

Teufelskreis der Persönlichkeitsstörung

Das Borderline-Beziehungsverhalten ist zu Beginn leidenschaftlich, emotional und intensiv. Das ist zunächst aufregend und prickelnd, kann jedoch auf Dauer umschlagen, weil es oft zu Konflikten kommt. Betroffene greifen zu unfairen Mitteln, damit ihre Partner ihre Bedürfnisse erfüllen:

  • Manipulation
  • Lügen
  • Machtspiele
  • emotionale Erpressung
  • Kontrolle

So versuchen Borderliner, sich davor zu schützen, verlassen zu werden. Das Vertrauensverhältnis zueinander wird dadurch massiv belastet. Aus diesem Grund haben Borderliner oft schon viele gescheiterte Beziehungen hinter sich. Das kann dazu führen, dass sie verinnerlichen, beziehungsunfähig zu sein. Das kann sich schließlich zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung entwickeln.

Borderline-Beziehungsmuster: Der Partner als Projektionsfläche

Für viele Borderline-Patienten ist ihr Partner eine Art Spiegel. Sie erwarten, dass er die gleichen Emotionen verspürt wie sie, egal, ob sie sich in einer enthusiastisch verliebten Hochphase befinden oder gerade alle Menschen von sich stoßen wollen. Ähnlich wie Menschen, die an Narzissmus leiden, fällt es ihnen schwer, ihren Partner als eigenständiges Individuum wahrzunehmen. Kommt es zu einer Trennung, stürzt der Borderliner in ein besonders tiefes Loch, da ihm die Abgrenzung zum Partner fehlt.

Gefahr beim Leben mit einem Borderline-Partner

Es besteht die Gefahr, dass Partner von Betroffenen ihre eigenen Bedürfnisse und Empfindungen vernachlässigen, weil sie den Menschen, den sie lieben, glücklich machen wollen. Hat ein Borderliner jedoch verinnerlicht, dass seine Beziehungen ohnehin scheitern, wird er seinem Partner möglicherweise misstrauen, wenn dieser versucht, seine Liebe zu zeigen. Gleichzeitig verlangt ein Borderliner jedoch nach Bestätigung und Beweisen für die Liebe seines Partners. Das ist schwer zu verstehen und macht das Borderline-Beziehungsverhalten sehr anstrengend.

Tipps für die Partnerschaft mit Borderlinern

Nur, weil das Borderline-Beziehungsverhalten anstrengend ist, muss eine Partnerschaft mit einem Betroffenen nicht zwangsläufig scheitern. Sie können als Partner ein wenig dazu beitragen, dass das Zusammenleben mit einem Borderliner funktioniert. Geben Sie Ihrem Partner:

  • Struktur
  • Verlässlichkeit
  • Sicherheit

Wenn Sie merken, dass Ihnen alles zu viel wird oder dass Sie dabei sind, die Fassung zu verlieren, gehen Sie lieber weg, als sich auf eine Diskussion einzulassen. Nachdem Ihr Partner sich wieder beruhigt hat, können Sie ihm sagen, dass Sie sein Verhalten nicht in Ordnung fanden. Sie seien deswegen weggegangen, aber auch wiedergekommen, weil Sie trotzdem Liebe für ihn empfinden.

Beziehungstipps: Was Sie nicht tun sollten

Der wichtigste Tipp für die Partnerschaft mit Borderline-Erkrankten ist: Vergessen Sie nicht sich selbst. Opfern Sie sich also nicht auf und laufen Sie Ihrem Partner nicht hinterher, da er sonst dazu verleitet würde, seine Grenzen auszureizen, Sie zu provozieren und zu manipulieren, um Macht über Sie zu erlangen.

Abgrenzung kann die Beziehung retten

Ein Mensch mit Borderline-Störung erwartet von seinem Partner, dass dieser in jeder Lebenslage das gleiche fühlt wie er, egal wie irrational die durch die Persönlichkeitsstörung bedingten extremen Emotionen auch sein mögen. Diesem Mechanismus können Sie durch konsequente Abgrenzung und Betonung Ihrer persönlichen Autonomie entgegenwirken – auch wenn das oft nicht leicht ist.

Machen Sie sich klar, dass die Verzweiflung Ihres Partners nicht Ihre eigene Verzweiflung ist und Sie in dieser Hinsicht keine Verantwortung für ihn tragen. Sich so zu positionieren erfordert allerdings sehr viel Stärke. Gerade wenn sich der Partner selbst verletzt, gelingt es kaum jemandem, davon unberührt zu bleiben und emotionale Distanz zu wahren – selbst wenn der Grund für das selbstverletzende Verhalten objektiv irrational sein mag.

Was Sie als Borderliner tun können

Sollten Sie selbst an der Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden, bedeutet dies nicht, dass Sie beziehungsunfähig sind. Heilen lässt sich die Störung zwar nicht vollständig, doch Sie können sie mit einer Psychotherapie so weit in den Griff bekommen, dass sie Ihr Leben nicht mehr so stark belastet. Daher ist es wichtig, dass Sie sich über Ihre Krankheit informieren und eine passende Therapie finden; vielen Betroffenen hilft eine Verhaltenstherapie oder eine Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT).

Scheuen Sie sich nicht, Fehler zuzugeben und nehmen Sie Ihren Partner so, wie er ist. Zerfleischen Sie sich aber auch selbst nicht, sondern versuchen Sie, sich zu akzeptieren. Das bedeutet nicht, dass Sie resignieren und sich mit Ihrem Borderline-Beziehungsverhalten abfinden, sondern dass Sie annehmen, dass Sie in der Hinsicht anders sind und sich Hilfe suchen.

Darüber hinaus kann eine Paartherapie beiden Partnern helfen, dass die Beziehung trotz der Belastung durch die Borderline-Störung funktioniert. Versuchen Sie, Ihrem Partner gegenüber möglichst offen und ehrlich zu sein, erzählen Sie ihm von Ihren Ängsten, damit er Sie besser verstehen kann.

Borderline: Beziehung beenden, aber wie?

Die Trennung von einem Borderline-Partner sollten Sie gut vorbereiten, aber nicht vorher ankündigen. Ein klarer Schnitt mit konsequentem Kontaktabbruch ist meist die beste Möglichkeit, eine Beziehung zu einem Borderline-Patienten zu beenden.

  1. Suchen Sie sich im Vorfeld eine neue Unterkunft, falls Sie mit Ihrem Partner bislang zusammenwohnen.
  2. Packen Sie alle Ihre Sachen, damit Sie nach der Trennung nicht noch einmal zurück müssen.
  3. Entfernen Sie Waffen und Gegenstände, die als solche gegen Sie oder vom Borderliner gegen sich selbst benutzt werden könnten, aus seiner Reichweite.
  4. Vermeiden Sie nach der Trennung jeden Kontakt und geben Sie auch keine Adressen und Telefonnummern an ihren Ex-Partner heraus.

Sagen Sie am besten dem Therapeuten Ihres Partners Bescheid, dass Sie die Beziehung beenden wollen, damit dieser dem Patienten nach der Trennung gezielt helfen kann.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

GS
Autor/-in
Gisèle Schneider
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