Autoaggression: Warum Menschen sich ritzen und selbst verletzen
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Autoaggression: Warum Menschen sich ritzen und selbst verletzen

Autoaggression ist für viele Leute nur schwer verständlich: Warum manche Menschen sich ritzen und sich willentlich selbst verletzen, ist nicht leicht zu begreifen. Es gibt aber verschiedene Auslöser für dieses Verhalten – dazu brauchen die Betroffenen dringend Hilfe. Wir haben die möglichen Ursachen für Sie zusammengestellt.


Die Wurzeln für Autoaggression sitzen tief


Viele Menschen, die sich ritzen oder sich mit ihren Zähnen und Fingernägeln selbst verletzen, leiden an einem Trauma. Zahlreiche Betroffene, oft junge Leute zwischen etwa 13 und 25 Jahren, haben in ihrer Kindheit Gewalt erfahren, am eigenen Leib oder als Beobachter. Körperliche Züchtigung oder sexueller Missbrauch, aber auch psychische Vernachlässigung oder der Verlust einer Vertrauensperson kann zu Autoaggression führen. Ein Großteil der Betroffenen leidet unter mangelndem Selbstwertgefühl, und viele von ihnen berichten auch von Hänseleien oder Mobbing in der Schule.


Im Großteil der Fälle geht das selbstzerstörerische Verhalten im Alter zwischen 30 und 40 Jahren wieder zurück. Besonders oft betroffen sind Jugendliche, die durch Pubertätsprobleme wie die raschen und einschneidenden Veränderungen an ihrem Körper und in ihrer Umwelt überfordert sind. Auch gibt es deutlich mehr Mädchen und Frauen, die sich selbst verletzen – wahrscheinlich, weil sie Wut und Aggression weniger gut als Jungen nach außen hin zeigen können.


Mit physischem Schmerz gegen psychischen Schmerz


Viele Betroffene erklären, dass Anspannung, Wut, Traurigkeit oder Stress abnehmen, wenn sie sich ritzen. Der akute körperliche Schmerz relativiert die schlechten Gefühle, sodass die Person Erleichterung und sogar Zufriedenheit empfindet. Allerdings ist dieses gute Gefühl nicht von Dauer, sodass die Betroffenen sich in besonders schweren Zeiten sogar mehrmals am Tag selbst verletzen. Manche Menschen, die an Autoaggression leiden, unterbrechen mit der Gewalt gegen sich selbst verstörende oder beängstigende Erinnerungen, holen sich durch den Schmerz ins Hier und Jetzt zurück.


Auch Ängste, Depressionen und Schuldgefühle können Betroffene beiseite drängen, indem sie sich selbst verletzen: Der Schmerz sorgt für die Ausschüttung von Endorphinen und damit kurzfristig sogar für ein gutes Gefühl. Gerade bei Kindern aus zerrütteten Familien ist häufig zu beobachten, dass sie sich selbst die Schuld dafür geben, dass ihre Eltern sich streiten oder gewalttätig werden.


Autoaggression als Strafe


Manche Betroffenen empfinden es nicht als angenehm, wenn sie sich ritzen, sondern als sehr schmerzhaft. Sie tun es trotzdem, weil sie das Gefühl haben, eine Bestrafung zu verdienen. Das kann der Fall sein, wenn sie sich selbst die Schuld an schwierigen häuslichen Verhältnissen geben, aber auch, wenn sie ihren eigenen Körper oder ihren Geist verachten. Ein solch schlechtes Bild von sich selbst kann durch Mobbing anderer Kinder oder Jugendlicher sehr stark überzeichnet werden – der oder die Gemobbte glaubt selbst, nichts wert zu sein und eine Bestrafung zu verdienen.


Kein Gefühl für den Körper


Vor allem Menschen mit einer Borderline-Störung neigen zu Autoaggression. Sie haben kein stabiles Bild von ihrem Ich und von ihrem Körper. Wenn sie sich selbst verletzen, geschieht dies teilweise auch deshalb, um sich ihres Körpers bewusst zu werden. Häufig spielt hier auch die Wut auf die eigene Person eine Rolle. Besonders ist bei Menschen mit der Borderline-Störung, dass sie ein deutlich weniger ausgeprägtes Schmerzempfinden haben als andere Leute. Viele von ihnen geben an, dass sie wenig bis keinen Schmerz empfinden, wenn sie sich ritzen.


Autoaggression als Hilferuf


Einige Fälle, in denen Menschen sich selbst verletzen, weichen von den bisher genannten ab. Den Betroffenen geht es nicht um Bestrafung oder Erleichterung, sondern darum, dass jemand ihr Leiden bemerkt und ihnen hilft. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die entstehenden Narben nicht sorgfältig verborgen werden. Indem sie sich selbst verletzen, zeigen diese Menschen etwas, das sie anders nicht ausdrücken können: dass nämlich etwas nicht in Ordnung ist und dass sich in ihnen viele unausgesprochene Gefühle angestaut haben, die dringend ein Ventil benötigen.


Auch wenn Autoaggression bei Menschen, die sich ritzen oder anders selbst verletzen, selten suizidal gemeint ist, sollten Sie sich trotzdem schnell um Hilfe bemühen, wenn Sie bei jemandem Anzeichen dafür feststellen: Es gibt Fälle, in denen Betroffene verblutet sind, weil sie dem Drang nach immer neuen Verletzungen nicht widerstehen konnten. Abgesehen davon benötigen Betroffene dringend Hilfe von jemandem, der ihnen keine Vorwürfe macht, sondern mit ihnen die Ursache für die Autoaggression aufarbeitet und ihnen hilft, mittels Verhaltenstherapie einen gesunden Ersatz für das Ritzen zu finden.


Wenn ein Mensch in Ihrer Umgebung Hilfe benötigt oder Sie selbst zu autoaggressiven Verhalten neigen, finden Sie unter diesem Artikel eine Liste von Psychologen und Psychotherapeuten in Ihrer Umgebung.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

CK
Autor/-in
Christopher Kiel
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