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Disability Mainstreaming durch inklusive Medienarbeit
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Disability Mainstreaming durch inklusive Medienarbeit

Oft finden sich in der medialen Darstellung von Menschen mit Behinderung noch gängige Klischees und Vorurteile. Verschiedenste Formulierungen und Bilder erzeugen Darstellungen des Lebens mit Behinderung, von denen sich viele Personen nicht korrekt repräsentiert fühlen. Im 3. Seminar der Online-Reihe zeigte Expertin Judyta Smykowski der Sozialheld*innen diverse problematische Darstellungen auf und gab Hinweise zu zielgruppensensibler Medienarbeit.

„Er ist an den Rollstuhl gefesselt“ – ein Satz den man im Kontext von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen immer noch häufig hört oder gar in der Zeitung liest. Dabei haben diese Menschen, wenn man sich mit ihrer Sichtweise auseinandersetzt, selten das Gefühl, gefesselt zu sein. Viel eher ermöglicht der Rollstuhl Mobilität, also eine Form von Freiheit. Stattdessen sind es die Barrieren in der Gesellschaft, die oftmals das Leben mit Behinderung einengen. In den Medien kommen immer noch häufig sprachliche Ungenauigkeiten oder gar Unwahrheiten vor, wenn es um Menschen mit Behinderung geht. Dabei gibt es verschiedene Blicke auf Behinderung, wie Smykowski erklärt: den medizinischen, den mitleidenden, den staunenden/bewundernden und den instrumentalisierenden oder ausschließenden Blick.

Wird die Krankheit oder Behinderung eines Menschen in den Medien erwähnt, heißt es oft er/sie leide daran (z. B. XY leidet am Down-Syndrom). Dadurch wird eine Haltung gegenüber der Behinderung vorweggenommen, von der man nicht weiß, ob diese Person sie überhaupt teilt. Sehr viele Menschen mit Behinderung leiden nämlich nicht an ihrer Behinderung, sondern an den Barrieren in der Gesellschaft, die sie an der Teilhabe hindern. Trotzdem wird in den Medien gerne dramatisiert, wodurch nicht selten eine mitleidende Haltung entsteht – Mitleid, das die meisten Menschen mit Behinderung weder wollen noch brauchen. Ein weiteres sehr häufiges Muster ist, dass Menschen etwas „trotz“ einer Behinderung tun. Auch hier wird eine bestimmte Haltung vorausgesetzt. Treffender wäre, dass Menschen mit einer Behinderung leben und arbeiten. Irreführend ist außerdem der Begriff „taubstumm“. Stattdessen sollte „taub“ oder „gehörlos“ verwendet werden, denn es ist möglich, sich mit Gebärdensprache auszudrücken, statt stumm zu bleiben. Zudem sollte unbedingt vermieden werden, Menschen mit Lernschwierigkeiten / kognitiven Beeinträchtigungen (früher sogenannte geistige Behinderung) von oben herab zu behandeln. Eine Verkindlichung ist absolut unangebracht, wenn es sich um erwachsene Menschen handelt. Insgesamt sollte man sprachlich wie inhaltlich immer auf Augenhöhe mit und über Menschen mit Behinderung kommunizieren. Ist man sich unsicher, kann man stets den Dialog mit ihnen suchen und erfragen, wie sie dargestellt werden möchten.

Auch die Bildsprache in den Medien kann oftmals problematisch sein. Nicht selten fällt auf, dass nicht behinderte Menschen im Rollstuhl dargestellt werden, was sehr unauthentisch wirkt. Für authentische Fotos ist eine gewisse Echtheit und der Fokus auf den Menschen statt Symbole der Behinderung wichtig. Das ist oft eine Frage der Perspektive. Auch diese sollte sich auf Augenhöhe befinden, den Mensch im Fokus haben und nicht etwa dessen Rollstuhl. Bilder, die nur Hilfsmittel wie etwa einen Rollstuhl zeigen und keinen Menschen, sind eher bedeutungsschwach und erzählen wenig. Kleinwüchsige Menschen sollten keinesfalls von oben herab fotografiert werden, denn eine ebensolche metaphorische Bedeutung erhält ein solcher Blickwinkel in den Medien.. Grundsätzlich empfiehlt Smykowski auch hier, die Menschen zu fragen, wie sie dargestellt werden möchten, ob das Bild okay ist und ob es die Lebensrealität korrekt abbildet. Ansonsten ist auch Selbstreflexion hilfreich, z.B. mit der Frage, ob man selber so dargestellt werden möchte.

Das übergeordnete Ziel von inklusiver Medienarbeit ist Disability Mainstreaming, also dass Menschen mit Behinderung abgebildet und in Aktion gezeigt werden, ohne dass die Behinderung selbst Thema sein muss. Für eine inklusive Gesellschaft gilt es dieses Ziel in all ihren Teilbereichen zu verfolgen. Die Medien sind ein sehr wichtiger gesellschaftlicher Teilbereich, da sie maßgeblich zur allgemeinen Meinungsbildung beitragen. Daher haben sie eine besondere Relevanz auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Teilhabe von allen Menschen.

Alle relevanten Informationen finden Sie kompakt in einem Handout zusammengestellt hier.

Zur Referentin

Judyta Smykowski leitet die Redaktion des Online-Magazins und des Podcasts „Die Neue Norm“ sowie die Redaktion von Leidmedien.de des Sozialhelden e.V.. Im Rahmen ihrer Arbeit berät sie Journalist*innen und Filmschaffende zur klischeefreien Sprache und zu Erzählweisen über behinderte Menschen.

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