Experteninterview: „Es wird unterschätzt, wie häufig Herzschwäche zum Tod führt“
© Zinkevych/iStock / Getty Images Plus 2019
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Experteninterview: „Es wird unterschätzt, wie häufig Herzschwäche zum Tod führt“

Die Folgen einer Herzinsuffizienz werden von vielen Menschen unterschätzt. Zwar haben sich die Behandlungsmöglichkeiten verbessert, doch noch immer endet die Herzschwäche häufig tödlich. Professor Thomas Voigtländer, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung und Ärztlicher Direktor des AGAPLESION Bethanien Krankenhaus (Cardioangiologisches Centrum Bethanien, CCB) in Frankfurt erklärt, was die Herzinsuffizienz so gefährlich macht und warum sie manchmal schwer zu behandeln ist.

Gelbe Seiten: Fast die Hälfte aller Patienten mit Herzschwäche stirbt innerhalb der ersten 5 Jahre nach der Diagnose. Was macht die Krankheit so gefährlich?

Prof. Voigtländer: Zunächst muss man die zwei verschiedenen Formen der Herzschwäche unterscheiden: Bei der ersten Variante wird der Herzmuskel schwächer und zieht sich nicht mehr richtig zusammen. Dadurch nimmt das Schlagvolumen ab, also die Blutmenge, die in den Kreislauf gepumpt wird. Diese Variante tritt vor allem als Folge eines großen Herzinfarktes auf.

Glücklicherweise nimmt diese Form der Herzinsuffizienz ab, weil der Herzinfarkt heute effektiver behandelt werden kann.
Bei der zweiten Variante, der sogenannten „Herzinsuffizienz bei erhaltener linksventrikulärer Funktion“, wird die Muskulatur steif, der Herzmuskel kann nicht mehr erschlaffen und sich dann auch nicht mehr richtig zusammenziehen. Die Folge ist die gleiche: Das Schlagvolumen ist verringert. Diese zweite Variante nimmt mit der alternden Bevölkerung zu.

Gelbe Seiten: Welche Form der Herzinsuffizienz ist gefährlicher?

Prof. Voigtländer: Beide Formen sind gefährlich. Es wird unterschätzt, wie häufig eine Herzschwäche Ursache eines Todes ist. Lange Zeit hat man sich auf die erste Variante fokussiert, bei der die Pumpfähigkeit eingeschränkt ist. Doch inzwischen ist die zweite Variante, bei der der Herzmuskel scheinbar in Ordnung ist, aber zu steif, um zu erschlaffen, viel häufiger. Sie ist genauso gefährlich wie die erstgenannte Variante, allerdings gibt es weniger Therapiemöglichkeiten, zum Beispiel nur wenige geprüfte Medikamente.

Gelbe Seiten: Woran sterben die Patienten bei einer Herzschwäche? Bleibt das Herz einfach stehen?

Prof. Voigtländer: Hier gibt es zwei Mechanismen: Entweder kommt es zu einer gefährlichen Herzrhythmusstörung auf dem Boden eines erkrankten Myocards (Herzmuskel), dem sogenannten Kammerflimmern, oder es kommt zum Herzmuskelversagen. Das heißt, das Herzzeitvolumen ist tatsächlich so gering, dass es nicht mehr ausreicht, um das Gehirn und andere Organe zu versorgen.

Das ist eine ganz kritische Situation. Bei jüngeren Patienten besteht in dieser Situation die Möglichkeit einer Herztransplantation. Zur Überbrückung bis zur Transplantation oder auch als definitive Therapie kann bei diesen schwer kranken Patienten auch ein sogenanntes Herz-Unterstützungssystem implantiert werden. Das ist eine Art Zusatzpumpe, die zusätzlich zum Herz arbeitet, um ein ausreichendes Schlagvolumen zu erreichen, damit die Organe und das Gehirn wieder versorgt werden.

Gelbe Seiten: Ist eine Herzschwäche heilbar?

Prof. Voigtländer: Die erstgenannte Variante der Herzinsuffizienz, bei der der Herzmuskel insgesamt geschwächt ist, lässt sich zunehmend besser behandeln. Es gibt effektive, in großen Studien geprüfte Medikamente, zum Beispiel Betablocker oder ACE-Hemmer. Sie vermindern die Sterblichkeit der Herzinsuffizienz deutlich. Auch spezielle Schrittmachersysteme  können die Herzfunktion verbessern. Wenn diese Form der Herzschwäche rechtzeitig erkannt wird, gibt es viele Möglichkeiten, die Gefährlichkeit der Herzschwäche sowie die tödlichen Folgen deutlich zu mindern. Außerdem gibt bei einer akuten Herzschwäche, zum Beispiel nach einer Herzmuskelentzündung, Verläufe, bei der sich der Herzmuskel auch auf Dauer wieder erholt.

Für die zweite Form der Herzinsuffizienz gibt es leider nur wenige Therapieoptionen, beispielsweise noch keine effektiven Medikamente. Hier gibt es tatsächlich Probleme in der Behandlung. Zurzeit werden neue Medikamente untersucht, von denen wir hoffen, dass sie auch bei dieser Art der Herzinsuffizienz helfen können.

Gelbe Seiten: Lassen sich die Folgen einer Herzinsuffizienz mit einem gesunden Lebensstil mindern?

Prof. Voigtländer: Ja. Das Schlagwort lautet hier: Sport als Medikament. Bei Patienten mit einer Herzschwäche kann die Leistungsfähigkeit mit einem geschickt angeleiteten Sportprogramm deutlich gestärkt werden. Durch das Training werden Muskelgruppen gestärkt, die sonst nicht so aktiv sind. Der Herzmuskel wird dadurch entlastet. Sport unter Anleitung ist bei Herzschwäche ein wichtiger Baustein in der Behandlung.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

Profilbild von Dr. Thomas Voigtländer
Experte/-in
Dr. Thomas Voigtländer

Professor Thomas Voigtländer ist Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung und Ärztlicher Direktor des AGAPLESION Bethanien Krankenhauses (Cardioangiologisches Centrum Bethanien, CCB) in Frankfurt.

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