Gesünder Leben
Junge Schwangere mit Hand auf Bauch
© demaerre/ iStock / Getty Images Plus
Profilbild von Ann-Kathrin Landzettel
Ann-Kathrin Landzettel
Autor/-in
Ann-Kathrin Landzettel
Letztes Update am: 

Expertenrat: Wie beeinflusst Endometriose Kinderwunsch und Schwangerschaft?

Endometriose betrifft etwa zehn Prozent aller Frauen. Bei 20 bis 30 Prozent der Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben, könnte die chronische, gutartige Wucherung der Gebärmutterschleimhaut die Ursache sein. Wie Endometriose Kinderwunsch und Schwangerschaft beeinflusst, weiß Professor Hans-Rudolf Tinneberg, Leiter der Sektion Endometriose am Endometriosezentrum der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main.

Gelbe Seiten: Herr Professor Tinneberg, viele Frauen denken, starke Regelschmerzen sind normal…

Professor Tinneberg: Das stimmt. Viele Frauen mit starken Regelschmerzen glauben, die Beschwerden gehören zur Menstruation dazu und sie „müssen da durch“. Kaum eine Frau weiß, dass eine Endometriose die Ursache ihrer Beschwerden sein kann. Das Krankheitsbild der Endometriose ist noch weitgehend unbekannt. Die Diagnose Endometriose wird bei vielen Frauen mit starken Regelbeschwerden oft erst nach vielen Jahren gestellt – häufig, wenn sie nicht schwanger werden. Es ist wichtig, hier aufzuklären – auch in Hinblick auf Endometriose in Zusammenhang mit Kinderwunsch und Schwangerschaft.

Gelbe Seiten: Wie wirkt sich Endometriose auf die Fruchtbarkeit der Frau aus?

Endometriose kann die Ursache eines unerfüllten Kinderwunsches sein. Das ist bei etwa 20 bis 30 Prozent der ungewollt kinderlosen Frauen der Fall. Bleibt bei einem Paar die erhoffte Schwangerschaft aus, muss bei beiden nachgeforscht werden. Liegt die Ursache bei der Frau – und bei den Untersuchungen muss immer auch an Endometriose gedacht werden – oder ist die Ursache beispielsweise in einer nicht ausreichenden Qualität der Samen des Mannes zu finden? Es gibt viele Gründe, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Endometriose ist ein Faktor.

Gelbe Seiten: Was macht Endometriose mit der Gebärmutter und den Eierstöcken?

Bilden sich Endometriose-Herde – also sich vermehrende Gebärmutterschleimhautzellen – in der Gebärmuttermuskulatur, den Eileitern oder im Bauchraum, kann das die Fruchtbarkeit auf verschiedene Weise negativ beeinflussen. So können zum Beispiel Gebärmutter und Eileiter in ihrer Beweglichkeit und Funktion eingeschränkt sein. Das hormonelle Gleichgewicht kann beeinflusst werden. Auch kann die Produktion von Eizellen sowie das Einnisten der Eizelle in die Gebärmutterschleimhaut gestört sein. Das Immunsystem geht ebenfalls gegen die falsch angesiedelten Zellen vor und es kommt zu Entzündungsreaktionen. Alle diese Faktoren erschweren eine Schwangerschaft.

Gelbe Seiten: Wie kommen Gebärmutterschleimhautzellen in die Gebärmuttermuskulatur und in die Eileiter?

Bei der „Menstruation nach innen“ beispielsweise, der sogenannten retrograden Menstruation, verliert die Frau Menstruationsblut und Gebärmutterschleimhautzellen nicht nur über die Scheide, sondern blutet auch über die offenen Eileiter in den Bauchraum. Dadurch kann es passieren, dass sich Gebärmutterschleimhautzellen an den mit dem Alter rauer werdenden Eierstöcken ansiedeln und sich dort vermehren. Möglich ist auch, dass die Zellen aufgrund einer Verletzung der Gebärmutter an andere Körperbereiche gelangen. Das kann beispielsweise durch eine Operation passieren, einen Kaiserschnitt bei der Geburt oder Unfälle.

Gelbe Seiten: Stimmt es, dass sich die Gebärmutterschleimhautzellen überall im Körper ansiedeln können?

Das stimmt. Meist siedeln sich die Gebärmutterschleimhautzellen im Bauchraum an Organen wie Blase, Darm, Nieren und Leber an. Über das Blut und die Lymphbahnen können die Schleimhautzellen aber auch an jeden anderen Ort des Körpers geschwemmt werden. Bei den Endometriose-Herden handelt es sich um gutartige Metastasen.

Gelbe Seiten: Wann sollten Paare aufmerksam werden, wenn es mit der Schwangerschaft nicht klappt?

Etwas Geduld sollten Paare haben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass es nicht auf Anhieb klappt. Fruchtbare Tage, Sex, nicht zu viel Stress: Der Zeitpunkt muss stimmen. Ich rate Paaren, ein halbes Jahr entspannt zu bleiben und regelmäßig Geschlechtsverkehr zu haben. Klappt es mit der Schwangerschaft nicht, sollte das Paar auf Ursachenforschung gehen.

Gelbe Seiten: Wie sollen sich Paare verhalten, die wissen, dass die Frau Endometriose hat und ein Kinderwunsch besteht?

Frauen, die wissen, dass sie an Endometriose erkrankt sind, rate ich das gleiche, wie Frauen ohne Endometriose: Entspannt bleiben und es versuchen. Wird die Frau nicht schwanger und ist es tatsächlich eine Endometriose, welche die Schwangerschaft verhindert, können sich Paare in spezialisierten Endometriosezentren beraten lassen.

Gelbe Seiten: Welche Möglichkeiten haben Frauen mit Endometriose, die nicht schwanger werden können?

In den meisten Fällen können Frauen mit Endometriose schwanger werden. Manchmal dauert es etwas länger, bis die Befruchtung klappt. Ist die Endometriose stark ausgeprägt, kann möglicherweise eine Endometriose-OP helfen. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Chance schwanger zu werden, nach der Endometriose-Operation verdoppelt ist. Eine Garantie gibt es aber nicht. Und es gibt Frauen, für die der Kinderwunsch aufgrund der Endometriose nicht in Erfüllung geht.

Gelbe Seiten: Wenn die Endometriose der Frau bekannt ist, muss während der Schwangerschaft etwas beachtet werden – von der Frau selbst und auch von ärztlicher Seite?

Während der Schwangerschaft gilt für Frauen mit Endometriose dasselbe wie für Frauen ohne Endometriose: Regelmäßige Kontrolluntersuchungen wahrnehmen. Notwendige Ergänzungen wie Eisen, Vitamin D und Folsäure einnehmen. Gesund ernähren. Auf Bewegung achten. Entspannen. Hat es mit der Schwangerschaft geklappt, stellt die Endometriose für die schwangere Frau in der Regel kein Problem dar. Die meisten schwangeren Frauen wissen nicht einmal, dass sie Endometriose haben.

Gelbe Seiten: Kann durch Endometriose das Risiko für Fehlgeburten oder Missbildungen beim Kind erhöht sein?

Nein, Endometriose erhöht das Risiko für Fehlgeburten oder Missbildungen beim Kind nicht. Wie gesagt: Wenn die Schwangerschaft eingetreten ist, verläuft sie meist genauso wie bei normalen Frauen. Dann spielt die Endometriose keine Rolle mehr. Hier kann ich beruhigen.

Gelbe Seiten: Wie sieht es bei der Geburt aus?

Im Zusammenhang mit Geburt und Endometriose kommt es auf den individuellen Fall an. Möglicherweise sollte ein Kaiserschnitt bevorzugt werden. Zum Beispiel, wenn sich die Endometriose im Bereich des Enddarms befindet. Dann kann es bei der Geburt zu Verletzungen des durch die Endometriose geschwächten Gewebes kommen. Gelangt Stuhl in die Bauchhöhle, besteht die Gefahr, dass sich eine lebensgefährliche Sepsis entwickelt. Wobei auch beim Kaiserschnitt bedacht werden muss: Über eine Verletzung der Gebärmutter können Schleimhautzellen in umliegendes Gewebe gelangen. Das Vorgehen muss von Fall zu Fall entschieden werden.

Gelbe Seiten: Vielen Dank für das Gespräch Herr Professor Tinneberg.

Quellen:

Endometriosezentrum Krankenhaus Nordwest, Frankfurt am Main

 Europäische Endometriose Liga

Gesundheitsinformation.de

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.
Profilbild von Ann-Kathrin Landzettel
Ann-Kathrin Landzettel
Autor/-in
Ann-Kathrin Landzettel M. A. ist Gesundheitsjournalistin aus Leidenschaft. Vor allem zwei Fragen treiben die geprüfte Gesundheits- und Präventionsberaterin an: Wie können wir lange gesund bleiben – und wie im Krankheitsfall wieder gesund werden? Antworten findet sie unter anderem im intensiven Austausch mit Ärztinnen und Ärzten sowie in persönlichen Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Seit fast zehn Jahren gibt sie dieses Wissen rund um Gesundheit, Medizin, Ernährung und Fitness an ihre Leserinnen und Leser weiter.
Ann-Kathrin Landzettel
Profilbild von Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Hans-Rudolf Tinneberg
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Hans-Rudolf Tinneberg
Experte
Professor Dr. Dr. h. c. mult. Hans-Rudolf Tinneberg ist Leiter der Sektion Endometriose am Endometriosezentrum der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Krankenhauses Nordwest in Frankfurt am Main.
Wie finden Sie diesen Artikel?