Ausbildung verkürzen oder nicht

Ich habe aufgrund meiner Leistungen in der Schule und im Betrieb meine Ausbildung von den angesetzten 3 Jahren auf 2,5 Jahre verkürzen dürfen. Die Entscheidung fiel mir trotzdem nicht leicht. Tue ich mir den Stress an? Soll ich es nicht lieber in aller Ruhe machen, wie der Großteil meiner Klasse?

Problem war, dass ich die Herbstferien, die bei einer Verkürzung hilfreich zum Lernen sind, bereits verplant hatte. Und zwar mit einer Tour, die auch nicht mal eben abgesagt werden konnte, weil viel Geld und ein großer Traum dahinter steckte. Mein Flug nach Afrika war zu dem Zeitpunkt schon gebucht. Nun musste eine Entscheidung her.

Ich beschloss zu verkürzen, da meine Abteilung aus internen Gründen dadurch auf höhere Übernahmechancen für mich spekulierte. Klar war: Jetzt brauchte ich viel Ehrgeiz und Disziplin, um das Ganze auch noch mit einem Ergebnis zu schaffen, das mich selbst zufrieden stellte.

Wie bekommt man den Lerninhalt in seinen Kopf?

Dazu nahm ich an einem vom Unternehmen finanzierten Vorbereitungskurs teil. Hier wurden Themen erarbeitet, die normalerweise erst in der Oberstufe durchgenommen werden. Sich nach einem 8-stündigen Arbeitstag nochmal zum 3-stündigen POWER-Lernen zu motivieren, ist dann schon eine Klasse für sich. Aber es war wirklich spannend und ich hatte schließlich die Prüfung im Hinterkopf, die ich gut bestehen wollte. Mir machten die Kurse sogar fast mehr Spaß als der Berufsschulunterricht, weil die Themen wirklich interessant und anspruchsvoll waren. Wenn ich um 20:00 Uhr mit der Bahn endlich nach Hause fahren konnte, qualmte mein Kopf dann aber doch gewaltig.

Natürlich muss man, trotz Vorbereitungskurs, zusätzlich Eigeninitiative ergreifen. Ich wälzte also zahlreiche Bücher, las viel im Internet, frischte meine eigenen Lernunterlagen nochmal auf und quetschte einige Kollegen über die mir noch unbekannten Themen aus.

Das große Lauern auf die Prüfungsthemen

Die Themen für den schriftlichen Teil werden ca. 8 Wochen vor der Prüfung bekannt gegeben. Vorher sollte man sich eine weit gefächerte Basis schaffen, erst dann kann man spezifischer lernen. Der Tag, an dem meine Prüfungsthemen veröffentlicht wurden, war mein Abflugdatum. Während ich also 10,5 Stunden Flugzeit vor mir hatte, konnten meine Mitschüler sich bereits einlesen. Ich wollte vor meiner Prüfungsphase aber eine Auszeit haben. Daher bat ich alle, mich bitte nicht über die Themen zu informieren. Ich hatte keine Ahnung, ob ich dieses Experiment selbst durchhalten würde oder ob ich die Inhalte irgendwann erfragen würde. Aber Afrika hat es tatsächlich geschafft, die Prüfung und die Nervosität komplett verschwinden zu lassen. Ich war wie in einer anderen Welt und das war der wohl perfekte Zeitpunkt dafür! Runter fahren, Energie sammeln, nicht darüber nachdenken und einfach die Prüfung mal Prüfung sein lassen. Erst ganz am Ende, als ich nach einigen internetlosen Tagen mal wieder in der Zivilisation mit WLAN-Zugang war, habe ich die Themen recherchiert. Dabei bin ich fast aus allen Wolken gefallen, weil es wirklich Begriffe gab, die mir rein gar nichts sagten. Trotzdem blieb ich relativ cool. Das Problem wartete so gesehen ja noch auf einem anderen Kontinent auf mich.

Die Themenvorbereitung

Ich hatte mir bereits viele Lernunterlagen vor den Herbstferien zusammengestellt. Zurück in Deutschland hieß es dann aber Vollgas geben. Ein Wochenende brauchte ich allerdings noch, um die Eindrücke von Afrika zu verarbeiten und den Kulturcrash zu verdauen. Dann ging es aber los. Die mir unbekannten Themen wurden nach und nach klarer und ich bekam ein besseres Gefühl für die Inhalte. Ich schrieb mir zu jedem Thema Notizen und hatte am Ende einen EXTREM dicken Ordner.

Problem: Ich habe leider kein fotografisches Gedächtnis.

Mir blieben nach Fertigstellung des Lernordners nur noch 10 Tage bis zum Prüfungstermin. Fest stand: Auswendig lernen geht nicht! Das Einzige was ich tun konnte war: Die soeben erlernte afrikanische Gelassenheit anwenden, auf meine 2,5 jahrelange Ausbildungserfahrung vertrauen und mit meinem normalen Verstand an die Sache gehen. Themen, die ich immer schon gut konnte, sah ich mir nur ganz oberflächlich an. Ich legte den Fokus auf die Dinge, die mir schwerer fielen. Am Ende fühlte ich mich relativ gut vorbereitet.

Und siehe da: Den schriftlichen Teil habe ich mit einem Schnitt von 1,5 bestanden. Dass ich das trotz zwei Wochen fehlender Lernzeit geschafft habe, hat meinen eigenen Respekt verdient. Auch wenn das ein bisschen eingebildet klingen mag, aber auf die Leistung kann ich wohl mehr als stolz sein. Und das bin ich definitiv!

Der praktische Teil war eigenständig im Betrieb anzufertigen. Die Noten muss ich aktuell noch abwarten.

Fazit:

Aus Personalbedarfsgründen konnte ich leider doch nicht langfristig übernommen werden. Wirklich sehr schade, da es von beiden Seiten eigentlich super gepasst hätte. Richtig gelohnt hat der Verkürzungsstress sich für mich also leider nicht unbedingt. Aber ich hab es keinesfalls bereut! Es war wie eine Challenge für mich selbst und ich bin froh, sie nun geschafft zu haben. Jetzt starte ich in ein neues Kapitel, das mir mit Sicherheit neue Türen öffnen wird. Und irgendwie hat dieses Gefühl, sich neu orientieren zu müssen, auch etwas sehr Spannendes an sich. Mich hat nun die Neugier auf Neues gepackt! Auch wenn ich ein super Team zurücklassen muss, hat es bestimmt seinen Grund, weshalb es so kam. „Think positive!“ – Ein Motto, das meine Berufsschulfreundinnen und ich immer wieder für uns entdeckten.

Wenn man also mit Einsatz hinter seiner Verkürzung steht, ist das alles machbar ;) Ich wünsche allen zukünftigen Prüflingen ganz viel Erfolg! Ihr packt das!

Ein riesen Dankeschön an alle, die mir so eine tolle Ausbildungszeit beschert haben und Teil davon waren! Ich nehme unglaublich viele schöne und lustige Momente mit euch mit, habe sehr viel gelernt und bin über die 2,5 Jahre in meiner Persönlichkeit nochmal extrem gewachsen. Dank euch!

Profilbild von Sarah Pollmann
Sarah Pollmann

Mein Name ist Sarah Pollmann und ich bin seit August 2015 Auszubildende Mediengestalterin Digital und Print in der Sutter Telefonbuchverlag GmbH. Nach meinem Abitur stand ich vor der großen Frage: Studium oder Ausbildung? Klar war: Es sollte etwas Kreatives sein.

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