Pendeln als Azubi – machbar oder unzumutbare Zeitverschwendung?

Als ich meine Ausbildung im 50 km entfernten Hannover begann, stand für mich erstmal nicht zur Debatte, ob ich umziehe oder nicht. 18 ist meiner Meinung nach noch kein Alter, in dem ich schon von zuhause ausgezogen sein muss.

Mit dem Zug fahre ich von meinem Heimatort etwas mehr als eine halbe Stunde nach Hannover und mit der S-Bahn dann noch einmal ungefähr fünf Minuten zur Arbeit. Die Bahnfahrt nutze ich dann zum Musik hören, lernen, lesen oder auch einfach nochmal dafür, eine Runde zu schlafen. Vorausgesetzt natürlich, ich bekomme einen Sitzplatz, denn bei mir Zuhause fährt der Zug nur einmal stündlich in jede Richtung, also nach Hannover und nach Göttingen. Dementsprechend sind viele Pendler auf diese Verbindung angewiesen.

Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich dann aber eben nicht nur von der Arbeit an sich, sondern auch von den 1 ½ Stunden Bahnfahrt kaputt und mache dann nicht mehr viel, außer vielleicht einen Film zu schauen, zum Sport zu gehen oder mich kurz mit Freunden zu treffen. An den Berufsschultagen ist es allerdings viel anstrengender, da ich bereits 2 ½ Stunden vor dem Unterrichtsbeginn das Haus verlasse, um nicht zu spät zu kommen. Dafür nehme ich dann auch zwangsläufig ungefähr 50 Minuten Aufenthalt in Hannover in Kauf. Dies war im ersten Lehrjahr besonders nervig, da ich dort zwei Berufsschultage in der Woche hatte.

Aber auch sonst hat sich mein Lebensmittelpunkt eher von meiner Heimatstadt weg nach Hannover verschoben. Mein Fitnessstudio hat auch eine Filiale in der Nähe des Verlages, sodass ich direkt nach der Arbeit zum Sport gehen kann. Außerdem sind viele meiner Freunde ausbildungsbedingt hier oder studieren an der Leibniz Universität in Hannover. Daher war ich mir nach einem Jahr Pendeln doch nicht mehr so sicher, ob ein Umzug nicht vielleicht doch das Beste wäre. Ein kritischer Punkt war allerdings die Miete, denn diese ist in Hannover ziemlich hoch und nebenbei ist es auch schwierig, überhaupt eine Wohnung oder ein Zimmer zu bekommen.

Durch eine für mich glückliche Fügung bekam ich im April dieses Jahres überraschend die Möglichkeit, in ein günstiges WG-Zimmer, in einer wunderschönen Vier-Zimmer-Wohnung, zu ziehen. Besonders durch das „Ausschlafen“ bis halb acht unter der Woche fragte ich mich, wie ich zuvor jeden Tag gegen fünf Uhr aufstehen konnte.

Aber es war natürlich auch eine Herausforderung, plötzlich auf eigenen Beinen zu stehen und den Haushalt mehr oder weniger alleine zu führen. Nach einigen Wochen hatte ich mich aber gut eingelebt und konnte meine neugewonnene Freizeit gut nutzen. Ein halbes Jahr ging das WG-Leben gut, allerdings gibt es auf Dauer natürlich auch Schwierigkeiten.

Da ich gerne zum Lernen für die anstehende Zwischen- und Abschlussprüfung meine Ruhe haben möchte, habe ich mich im September dazu entschlossen, wieder ins heimelige Nest zu ziehen. Meine größten Bedenken galten den mir nun noch länger vorkommenden Zugfahrten, allerdings überbrücke ich diese nun wieder gut mit einem spannenden Buch, einem Nickerchen oder guter Musik. In zwei Monaten steht die Zwischenprüfung an und in ziemlich genau einem Jahr wartet die Abschlussprüfung auf mich – ein guter Teil der Ausbildung ist also schon rum.

Letztendlich kann ich euch raten, dort zu wohnen, wo ihr euch wohl und heimelig fühlt. Ich persönlich nehme das Pendeln jedenfalls gerne in Kauf, dafür, dass ich dann nach Hause komme und weiß, was mich dort erwartet. Natürlich nervt es, wenn die Bahn zu spät ist oder gar ganz ausfällt, aber Zuhause zu wohnen hat für mich definitiv nicht nur finanzielle Vorteile. Ich bin nun mal ein Dorfkind, da fehlen in Hannover einfach die Wiesen und Felder. Ich finde es gut, das WG-Leben ausprobiert zu haben, was ich auch jedem raten kann, denn manche haben ja auch wirklich Glück mit ihrer WG. An solchen Erfahrungen wächst man, und wenn man merkt, dass es eben nichts für einen ist, weiß man die Alternative noch mehr zu schätzen.

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Alicia Steinbrück

Hallo! Ich heiße Alicia Steinbrück, bin 20 Jahre alt und absolviere seit dem 1. August 2016 meine Ausbildung zur Medienkauffrau Digital und Print in der Schlüterschen Verlagsgesellschaft in Hannover.

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