Sind die Betreiber bei wetterbdingtem Ausfall wegen höherer Gewalt von einer Entschädigung befreit?
Rechtsfragen rund um den Winter

Deutsche Bahn und Fluggesellschaften: Bekomme ich bei Ausfällen im Winter eine Entschädigung?

Verspätete Züge, Fernbusse und ausgefallene Flüge sind an der Tagesordnung. In Deutschland waren in manchen Monaten bis zu 70 Prozent der Fernzüge unpünktlich. Es gibt umfangreiche gesetzliche Regelungen, die Sie als Fahrgast schützen. Ihnen stehen bei Ausfällen und Verspätungen weitreichende Fahrgastrechte zu. Doch was passiert, wenn Bahn, Bus und Flug im Winter ausfallen? Sind die Betreiber wegen „höherer Gewalt“ von Entschädigungszahlungen befreit? Und wie sieht es aus, wenn sich eine Beförderungsgesellschaft nicht ausreichend auf den Winter vorbereitete?

Deutsche Bahn: Entschädigungen auch im Winter verpflichtend

Die Bahn verspätet sich? Ab einer Verspätung von 60 Minuten steht Ihnen eine Entschädigung in Höhe von 25 Prozent des Fahrpreises zu. Ab einer Verspätung von 120 Minuten erstattet Ihnen die Bahn sogar 50 Prozent des Fahrpreises. Sie haben nicht nur das Recht auf eine Entschädigung, sondern können zusätzlich auch noch andere Rechte geltend machen. Verspätet sich der Zug voraussichtlich um mindestens 20 Minuten, dürfen Sie auf einen anderen Zug ausweichen. Die Zugbindung entfällt bei sämtlichen gebuchten Zügen wie beispielsweise ICE, EC und RE. Verspätet sich der Zug um mindestens 60 Minuten, dürfen Sie alternativ auf ein anderes Verkehrsmittel umsteigen und sich den vollen Fahrpreis erstatten lassen.

Ticket am Schalter vorlegen 

Um eine Entschädigung geltend zu machen, müssen Sie Ihr Ticket an einem Schalter der Deutschen Bahn vorlegen und sich die Verspätung vom Schaffner im Zug bestätigen lassen. Dort zahlt Ihnen die Deutsche Bahn umgehend die Entschädigung aus. Nutzen Sie ein Online-Ticket, müssen Sie sich an das Servicecenter Fahrgastrechte wenden. Diesem senden Sie das Fahrgastrechte-Formular der Deutschen Bahn zu. 

Möchten Sie die Entschädigung online beantragen, empfehlen sich Internetseiten wie www.zug-erstattung.de. Hier haben Sie die Möglichkeit, den gesamten Entschädigungsprozess online abzuwickeln. Der Europäische Gerichtshof entschied schon im Jahr 2011, dass ein Unwetter nicht als „höher Gewalt“ zu werten ist. Deshalb dürfen sich die Deutsche Bahn und andere Anbieter nicht mit diesem Argument von der Zahlung befreien (EuGH, C-509/11). Denken Sie daran, dass sich sämtliche Ausführungen – auch bei Flügen und Bussen – auf die gesamte Europäische Union beziehen. Die Rechte, die Ihnen in Deutschland zustehen, stehen Ihnen in der gesamten EU zu. Das Recht in Europa ist durch die entsprechenden EU-Richtlinien vereinheitlicht und überall anwendbar.

Sollten die winterliche Verspätung zwischen 0 und 5 Uhr morgens auftreten und eine Verspätung von mehr als 60 Minuten vorliegen, dürfen Sie sich ein Taxi bestellen. Die damit verbundenen Kosten sind auf einen Maximalbetrag von 80 Euro begrenzt. Sie dürfen nur ein Taxi bestellen, wenn Sie den Zielbahnhof auf keine andere Weise erreichen können. Alternativ können Sie in einem Hotel übernachten und die Kosten von der Bahn zurückverlangen.

Flugpassagiere: Entschädigungen nur bei Verschulden der Fluggesellschaft

Die EU-Fluggastrechteverordnung spricht Ihnen auch bei Flugverspätungen Rechte zu. Verspätet sich ein Flug um mindestens drei Stunden oder wird er gestrichen, erhalten Sie eine Entschädigung. Deren Höhe bemisst sich an der Flugstrecke und beträgt 250, 400 oder 600 Euro. Der Flugpreis ist nicht – wie bei der Deutschen Bahn – an den Flugpreis gekoppelt.

- 250 Euro: Ab einer Strecke von 1.500 Kilometern

- 400 Euro: Strecke zwischen 1.500 und 3.500 Kilometern

- 600 Euro: Ab einer Strecke von 3.500 Kilometern

Sie erhalten die Entschädigung nur, wenn der Flug in der EU startet oder die Airline ihren Sitz in der EU hat. Die Zahlung erfolgt unabhängig von dem bezahlten Flugpreis. Zahlten Sie nur 20 Euro für den Flug, kann Ihnen dennoch eine Entschädigung in Höhe von 250 Euro zustehen. Die Gründe für die unterschiedlichen Entschädigungen bei Bahn, Bus und Flugzeug sind auf politische Entscheidungen zurückzuführen. Die Europäische Union berücksichtigte bei der Gesetzgebung die Besonderheiten der verschiedenen Verkehrsmittel.

Entschädigung entfällt bei außergewöhnlichen Umständen

Der Anspruch auf eine Entschädigung entfällt bei Flügen, wenn „außergewöhnliche Umstände“ wie ein starkes Unwetter oder ein krasser Schneefall zum Ausfall des Fluges führen. Diese Umstände hat die Fluggesellschaft darzulegen – sie ist dahingehend beweispflichtig. Sie als Fluggast haben einen Entschädigungsanspruch, wenn sich die Fluggesellschaft nicht ausreichend auf eine vorhersehbare Witterung vorbereitete, etwa indem sie kein Enteisungsmittel vorrätig hielt. Ob ein „außergewöhnlicher Umstand“ vorliegt, ist im Einzelfall zu entscheiden und sorgt deshalb vor deutschen Gerichten immer wieder für Streitigkeiten.

Bei einem Streik, extremem Gegenwind, Luftraumsperrungen, Notlandungen des Vorfluges oder Turbinenschäden durch Vogelschlag gibt es normalerweise keine Entschädigung. Ein extrem schlechtes Winterwetter ist grundsätzlich schon ein „außergewöhnlicher Umstand“, den die Fluggesellschaft nicht beeinflussen konnte. Die Airline muss ihre Passagiere in einer solchen Situation betreuen und eine Weiterreise organisieren, nicht aber eine Entschädigung zahlen. Technische Probleme sind allerdings kein „außergewöhnlicher Umstand“ – gleiches gilt für Personalausfälle und Organisationsprobleme.

Flughafenbetreiber zum Schadensersatz verpflichtet 

Ist der Flughafen nicht ausreichend geräumt, muss Ihnen eventuell der Flughafenbetreiber den Schaden ersetzen und nicht die Airline. Sie sollten sich bei einem Flugausfall oder einer Verspätung aber dennoch immer zunächst an die Airline wenden. Erhalten Sie keine oder nur eine unzureichende Antwort, sollten Sie eine Beschwerde bei der „Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr“ einreichen. Für deutsche Fluggesellschaften bietet sich auch die Schlichtungsstelle Luftverkehr an, die beim Bundesjustizamt eingerichtet ist. Die Schlichtungsstellen prüfen kostenlos, ob Ihnen ein Erstattungsanspruch zusteht. Das Ergebnis der Schlichtungsstelle hat aber keinen bindenden Charakter – im Zweifelsfall bleibt Ihnen nur der Gang zum Rechtsanwalt.

Annulliert eine Fluggesellschaft einen Flug, ist sie nicht dazu verpflichtet, ihre Fluggäste zu entschädigen. Erfolgt die Annullierung kurz vorher – also innerhalb der letzten 14 Tage vor dem Abflug – ist dann aber die normale Entschädigung fällig.

Fernbus: Andere Regelungen als bei Bus und Bahn

Fernbusse unterliegen anderen gesetzlichen Regelungen. Bei ihnen ist nur entscheidend, ob die Abfahrt verspätet war. Wann der Fernbus am Ziel ankommt, ist irrelevant. Deshalb ist es nicht entscheidend, ob sich die Fahrt wegen Schnee und Glatteis verzögert. Entschädigungsansprüche haben Sie erst, wenn Sie eine Strecke von mindestens 250 Kilometern fahren und der Fernbus mit einer Verspätung von mehr als zwei Stunden abgefahren ist.

Busunternehmen bieten oftmals in Eigenregie eine Erstattung des Fahrpreises oder eine Weiterreise mit einem anderen Verkehrsmittel an. Erhalten Sie kein solches Angebot, haben Sie einen Anspruch auf Erstattung des Ticketpreises. Sie erhalten eine zusätzliche Entschädigung in Höhe des halben Fahrpreises.

Wie setzen Fahrgäste ihre Rechte durch?

Fahrgäste haben verschiedene Möglichkeiten, um ihre Fahrgastrechte durchsetzen. Sie sollten sich zunächst an das betreffende Unternehmen wenden. Reagiert dieses nicht oder lehnt es eine Entschädigungszahlung ab, bleibt der Gang zum Rechtsanwalt. Alternativ gibt es Portale wie zug-erstattung.de, Flightright, Fairplane und AirHelp. Die meisten Portale erheben eine Gebühr oder eine Provision im Erfolgsfall in Höhe von bis zu 30 Prozent der Entschädigung. Einige Portale bieten auch eine sofortige Entschädigung an, behalten dann aber bis zu 40 Prozent der Provision ein.

Matthias Wurm
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