Multiple Sklerose-Verlauf: die 3 Verlaufsformen der MS
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Multiple Sklerose-Verlauf: die 3 Verlaufsformen der MS

Die Diagnose Multiple Sklerose ist für die Betroffenen mit vielen Unsicherheiten verbunden: Wie sieht ein Leben mit MS aus? Kann ich mit Multipler Sklerose noch arbeiten gehen? Kann ich mit Multipler Sklerose schwanger werden? Brauche ich irgendwann einen Rollstuhl? Und wie wirkt sich MS auf meine Lebenserwartung aus? Multiple Sklerose-Verlauf: Was die Nervenkrankheit für Betroffene bedeutet.

MS-Prognose: Wie verläuft Multiple Sklerose?

Wie sich die Nervenkrankheit Multiple Sklerose entwickelt, lässt sich nicht vorhersagen. Bei jedem Betroffenen zeigt sich MS anders – abhängig davon, welche Bereiche des zentralen Nervensystems von der Demyelinisierung wie stark betroffen sind, wie oft Schübe auftreten, wie schwer die Schübe verlaufen und wie rasch die Autoimmunkrankheit fortschreitet.

Da die Symptome und der Verlauf von Patient zu Patient stark variieren können, sprechen Ärzte auch von der „Krankheit der 1000 Gesichter“. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) betont, dass „die MS nicht zwangsläufig schwer verlaufen muss“. Gerade zu Beginn der Krankheit sei eine weitgehende Abheilung der entzündlichen Herde und damit zur Rückbildung der Krankheitssymptome möglich.

Multiple Sklerose-Verlauf: Die drei Formen der MS

Die Multiple Sklerose kann sich unterschiedlich zeigen und entwickeln. Mediziner unterscheiden drei Multiple Sklerose-Verlaufsformen:

  1. Schubförmig remittierende MS (RRMS): Die Symptome kommen in Schüben und bilden sich in manchen Fällen vollständig, in anderen Fällen unvollständig zurück. Auf einen Schub folgt eine Erholungsphase (Remission), in der keine oder nur wenige Symptome auftreten. Die schubförmig remittierende MS ist mit etwa 85 bis 90 Prozent die häufigste Verlaufsform der MS.
  2. Primär progrediente MS (PPMS): Die Multiple Sklerose schreitet von Anfang an stetig fort. Die Behinderung nimmt konstant zu – ohne das Auftreten von Schüben. Vor allem Patientinnen und Patienten mit einem späteren Krankheitsbeginn ab 40 Jahren sind von dieser Verlaufsform betroffen. Etwa 10 Prozent der MS-Betroffenen haben PPMS.
  3. Sekundär progrediente MS (SPMS): Die SPMS kann sich aus der RRMS entwickeln. Die Beschwerden nehmen kontinuierlich zu. Die Behinderungen bilden sich nicht mehr zurück und können sich unabhängig vom Auftreten eines Schubes weiter verstärken.

Schub und remittierende Phase – was bedeutet das?

Mediziner sprechen von einem Schub, wenn entweder ein neues MS-Symptom auftritt oder sich ein bestehendes MS-Symptom verstärkt und die Beschwerden mindestens 24 Stunden andauern. Bleibt die MS über einen längeren Zeitraum stabil, bezeichnen Ärzte dies als Remissionsphase (stabile Phase oder Erholungsphase).

Der Multiple Sklerose-Verlauf zu Krankheitsbeginn

Auch wenn es keine zuverlässigen Prognosen zu dem Verlauf der MS gibt, lassen sich in der Gesamtheit der Patientinnen und Patienten doch Gemeinsamkeiten feststellen. So zeigen zwischen 85 und 90 Prozent der Betroffenen zu Beginn einen schubförmigen Verlauf. Im Schnitt geht der schubförmige Verlauf bei 30 bis 40 Prozent der Betroffenen nach etwa 10 bis 15 Jahren in einen sekundär chronisch progredienten Verlauf über.

Wie die DMSG mitteilt, zeigen nach 20 Jahren etwa 90 Prozent der Betroffenen eine chronisch progrediente Verlaufsform. Etwa zehn Prozent der Patientinnen und Patienten haben von Beginn an einen primär-chronisch progedienten Verlauf, also von Krankheitsbeginn an eine langsame Verschlechterung des Krankheitsbildes ohne klare Schübe.

Der Multiple Sklerose-Verlauf mit fortschreitender Krankheit

Weiter erklärt die DGMS, dass Verlaufsbeobachtungen zeigen konnten, dass die Wahrscheinlichkeit für einen weiterhin relativ gutartigen Verlauf höher ist, wenn nach fünf oder zehn Jahren das Krankheitsbild stabil ist. Eine klare „Faustregel“ lasse sich aufgrund des sehr individuellen Krankheitsverlaufs nicht ableiten. Für die Betroffenen ist diese Unberechenbarkeit der Autoimmunerkrankung MS eine Belastung. Die Angst vor neuen Schüben und einer weiteren Verschlechterung – und damit Einschränkungen in Leben und Alltag – begleitet sie.

MS: Brauche ich einen Rollstuhl?

MS führt nicht bei allen Betroffenen zu einem Leben im Rollstuhl. Nicht ganz die Hälfte der an MS Erkranken sind im Verlauf der Krankheit zeitweise oder ganz auf einen Rollstuhl angewiesen. Nach Angaben der Berufsverbände und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz hat ein Drittel der Betroffenen zeitlebens einen günstigen Verlauf der Krankheit. Ein weiteres Drittel leidet unter Behinderungen, die Selbstständigkeit bleibt jedoch erhalten.

Für ein Drittel der Patienten bringt die Multiple Sklerose schwere Behinderungen mit sich, im Extremfall auch den Tod. Allerdings seien nach 25 Jahren Krankheitsdauer - bei entsprechender Behandlung - im Schnitt noch gut 30 Prozent der Patienten arbeitsfähig und sogar noch etwa 65 Prozent der Patienten gehfähig.

Ob mit Multipler Sklerose eine Schwangerschaft möglich ist und Kinder großgezogen werden können, ist abhängig vom Schweregrad der Erkrankung der betroffenen Frau. Grundsätzlich können MS-Patientinnen Kinder bekommen. Angaben der Multiple Sklerose Leitlinien zufolge ergeben sich aus der Literatur bislang keine Hinweise, dass sich eine Schwangerschaft negativ auf die MS auswirkt. 

Umgekehrt wirkt sich auch die MS nicht negativ auf eine Schwangerschaft hinsichtlich Spontanaborten, Schwangerschaftsverlauf und Geburt aus. In einer Untersuchung an 3.875 Schwangeren mit MS zeigten sich allerdings ein höheres Risiko für Infektionen im Vergleich zu Frauen ohne MS sowie ein gering höheres Risiko für Frühgeburten. Das Risiko, dass Kinder von MS-Patienten ebenfalls an MS erkranken, ist im Vergleich zu gesunden Eltern leicht erhöht und liegt in einem Verhältnis von 1:100. MS-Betroffene mit Kinderwunsch sollten sich mit ihrer Frauenärztin oder ihrem Frauenarzt sowie ihrem behandelnden Neurologen oder ihrer Neurologin besprechen.
Regelmäßige Bewegung stärkt die Muskulatur und trainiert die Beweglichkeit und Koordination. Regelmäßige Bewegung kann den Alltag von MS-Patientinnen und -Patienten daher positiv beeinflussen. Welche Art der Bewegung geeignet ist und in welcher Intensität diese durchgeführt werden kann, ist abhängig vom individuellen Krankheitsbild. Betroffene sollten sich hierzu mit Ihrem behandelnden Neurologen oder ihrer Neurologin abstimmen. Gelenkschonend sind Schwimmen und Gymnastik. Physiotherapeutische Übungsvideos der Fachgruppe Physiotherapie bei Multipler Sklerose (FPMS), die in Zusammenarbeit mit der MS-Gesellschaft produziert wurden, finden Sie hier.  
Es besteht keine Verpflichtung, den Arbeitgeber über die Diagnose MS zu informieren. Ausgenommen sind allerdings Berufe, bei denen körperliche Untersuchungen und körperliche Gesundheit im Fokus stehen, etwa bei Piloten. Auch muss der Beruf aufgrund der MS nicht aufgegeben werden, solange sich die Betroffenen noch fit fühlen und die Aufgaben bewältigen können. Wer unsicher ist, kann sich an einen Recht- oder Berufsberater wenden oder auf den Betriebsrat oder eine betriebliche Vertrauensperson zugehen.

Quellen:

Was ist Multiple Sklerose? Online-Information der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). (Stand: Aufgerufen am 8. Juni 2021)

Schubförmig remittierend Verlaufsform bei Multipler Sklerose. Online-Information der Berufsverbände und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz. (Stand: Aufgerufen am 8. Juni 2021)

Physio-Übungen für zu Hause. Online-Videoangebot der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft. (Stand: Aufgerufen am 8. Juni)

Verlaufsformen der MS. Online-Information der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). (Stand: Aufgerufen am 8. Juni 2021)

Erkrankungsverlauf und Prognose bei Multiple Sklerose (MS). Online-Information der Berufsverbände und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz. (Stand: Aufgerufen am 8. Juni 2021)

Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen. Herausgegeben von der Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. (Stand: 2021)

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.
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Ann-Kathrin Landzettel M. A. ist Gesundheitsjournalistin aus Leidenschaft. Vor allem zwei Fragen treiben die geprüfte Gesundheits- und Präventionsberaterin an: Wie können wir lange gesund bleiben – und wie im Krankheitsfall wieder gesund werden? Antworten findet sie unter anderem im intensiven Austausch mit Ärztinnen und Ärzten sowie in persönlichen Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Seit fast zehn Jahren gibt sie dieses Wissen rund um Gesundheit, Medizin, Ernährung und Fitness an ihre Leserinnen und Leser weiter.
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