Expertenrat: Beliebte rezeptfreie Medikamente – worauf Sie achten müssen
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Expertenrat: Beliebte rezeptfreie Medikamente – worauf Sie achten müssen

Für die Selbstmedikation geben die Deutschen jährlich über sechs Milliarden Euro aus. Jedes zweite Medikament, das in deutschen Apotheken abgegeben wird, ist rezeptfrei erhältlich. Die Expertin Dr. Ursula Sellerberg weiß, was Patientinnen und Patienten bei der Anwendung beachten müssen, um Neben- und Wechselwirkungen zu vermeiden.

Gelbe Seiten:Nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel kann jeder selbst in der Apotheke kaufen. Ein Rezept vom Arzt braucht er hierfür nicht. Welche rezeptfreien Medikamente sind bei den Deutschen besonders beliebt?

Dr. Ursula Sellerberg: Besonders oft nachgefragt werden Medikamente gegen Erkältungs- und Grippesymptome, Schmerzmittel sowie Mittel gegen Gelenk- und Muskelschmerzen. Doch auch Hustenmittel, Schlafmittel und Abführmittel werden häufig verlangt.

Gelbe Seiten„Ohne Rezept“ setzen viele gleich mit „nicht gefährlich“. Immer wieder gehen Patientinnen und Patienten sorglos mit Medikamenten um, beispielsweise mit Schmerzmitteln. Welche Risiken birgt das?

Dr. Ursula Sellerberg: Rezeptfreie Medikamente sind nicht harmlos. Um beim Beispiel Schmerzmittel zu bleiben: Eine frühere bundesweite Untersuchung der ABDA hat gezeigt, dass bei etwa jeder fünften Selbstmedikation arzneimittelbezogene Probleme auftreten – die meisten bei der Einnahme von Schmerzmitteln. Schmerzmittel sollten Sie ohne ärztlichen Rat daher grundsätzlich nicht länger als drei bis vier Tage am Stück und nicht häufiger als zehnmal pro Monat einnehmen.

Gelbe Seiten:Was passiert, wenn man Schmerzmittel länger anwendet?

Dr. Ursula Sellerberg: Wirkstoffe wie Paracetamol, Ibuprofen, Diclofenac oder Acetylsalicylsäure (ASS) können bei häufiger Anwendung zu schmerzmittelbedingten Kopfschmerzen führen. Viele nehmen gegen die Kopfschmerzen wiederum Schmerzmittel. Das kann zum Teufelskreis werden. Auch Magenprobleme bis hin zu Magenblutungen sowie Leberschäden sind mögliche Folgen. Die Nieren können ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden. Daher ist es wichtig, dass Sie sich bei Schmerzmitteln immer streng an die Dosierempfehlung halten.

Gelbe Seiten: Was passiert, wenn man Schmerzmittel länger anwendet?

Dr. Ursula Sellerberg: Wechselwirkungen sind auch bei Schmerzmitteln ein Thema. Ibuprofen beispielsweise sollte nicht zusammen mit niedrig dosierter Acetylsalicylsäure eingenommen werden, da deren blutgerinnende Wirkung herabgesetzt wird. Werden Kortisonpräparate mit Diclofenac oder Ibuprofen kombiniert, können Magenblutungen auftreten. Schmerzmittel sollten daher immer mit Bedacht eingenommen werden. Bei Gelenkbeschwerden etwa müssen es gar nicht immer Tabletten sein. Hier helfen auch Cremes und Gele mit den entsprechenden Wirkstoffen, die lokal aufgetragen werden.

Gelbe Seiten:Sie sprachen das Risiko Magenblutungen an: Viele Menschen müssen regelmäßig Schmerzmittel nehmen. Wie können sie Magenblutungen vorbeugen?

Dr. Ursula Sellerberg: Schmerzmittel besser nicht auf nüchternen Magen nehmen. Haben Sie etwas gegessen, können Sie das Risiko für Magenreizungen senken – ganz vermeiden können Sie es dadurch aber nicht. Trinken Sie zudem ausreichend Flüssigkeit, am besten ein großes Glas Wasser. Wer regelmäßig Schmerzmittel einnehmen muss, bekommt vom Arzt oft zusätzlich magenschützende Präparate verschrieben. Diese sollten aber nur so lange eingenommen werden, wie sie auch unentbehrlich sind.

Gelbe Seiten:Welche Tipps haben Sie für Nasentropfen und hustenstillende Medikamente? Was muss man hier beachten?

Dr. Ursula Sellerberg: Abschwellende Nasentropfen und Sprays sollten Sie nie länger als sieben Tage am Stück anwenden, sonst gewöhnt sich die Nasenschleimhaut daran und schwillt ohne das Mittel nicht mehr von selbst ab. Nasentropfen, die Salz- oder Meerwasser enthalten, unterliegen dieser Beschränkung nicht. Bei hustenstillenden Medikamenten müssen Sie damit rechnen, dass Wirkstoffe enthalten sind, die müde machen und die Aufmerksamkeit beeinträchtigen. Das müssen Sie beim Autofahren und beim Bedienen von Maschinen beachten. Auch bei Schlafmitteln müssen Sie berücksichtigen, dass sie die Reaktionsfähigkeit mindern.

Gelbe Seiten:Bei Erkältungsbeschwerden sind vor allem Kombinationspräparate beliebt. Was ist bei der Einnahme zu beachten?

Dr. Ursula Sellerberg: Die Kombination aus verschiedenen Wirkstoffen erfordert besondere Vorsicht – vor allem, wenn noch andere Medikamente eingenommen werden. Enthält das Grippemittel bereits Paracetamol und Sie nehmen gegen die Kopfschmerzen zusätzlich noch Tabletten mit dem gleichen Wirkstoff, können Sie die tägliche Höchstdosis schnell überschreiten. Besprechen Sie die Einnahme am besten mit Ihrem Apotheker.

Gelbe Seiten:Wie sieht es mit Abführmitteln aus? Was muss hierbei berücksichtigt werden?

Dr. Ursula Sellerberg: Bei Abführmitteln müssen Sie bedenken, dass diese die Wirkung anderer Medikamente beeinflussen können. Einige Abführmittel dürfen zudem nur kurzzeitig angewendet werden. Wer immer wieder unter Verstopfung leidet, sollte seinen Arzt um Rat fragen. Da muss man der Ursache auf den Grund gehen.

Gelbe Seiten:Wo liegen die Grenzen rezeptfreier Präparate?

Dr. Ursula Sellerberg: Rezeptfreie Medikamente sind gut geeignet, um akute Beschwerden zu lindern. Haben Sie Ihre Hausapotheke aufgefüllt, müssen Sie nicht aus dem Haus, wenn es Ihnen schlecht geht und Sie ersparen sich Wartezeiten beim Arzt. Verbessern sich die Beschwerden aber nicht innerhalb von zwei bis drei Tagen, sollten Sie sich untersuchen lassen. Wenn Sie bereits verschiedene Medikamente einnehmen und rezeptfreie Präparate damit kombinieren möchten, sollten Sie sich vom Arzt oder Apotheker dazu beraten lassen. So beugen Sie Wechselwirkungen vor. Wenn Sie Nebenwirkungen bei sich beobachten, sollten Sie das Ihrem Arzt oder Apotheker mitteilen.

Gelbe Seiten:Vielen Dank für das Gespräch.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

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Autor/-in
Ann-Kathrin Landzettel

Ann-Kathrin Landzettel M. A. ist Gesundheitsjournalistin aus Leidenschaft. Vor allem zwei Fragen treiben die geprüfte Gesundheits- und Präventionsberaterin an: Wie können wir lange gesund bleiben – und wie im Krankheitsfall wieder gesund werden? Antworten findet sie unter anderem im intensiven Austausch mit Ärztinnen und Ärzten sowie in persönlichen Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Seit fast zehn Jahren gibt sie dieses Wissen rund um Gesundheit, Medizin, Ernährung und Fitness an ihre Leserinnen und Leser weiter.

 

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Experte/-in
Dr. Ursula Sellerberg

Dr. Ursula Sellerberg ist stellvertretende Pressesprecherin der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. (ABDA).

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