Chronische Blasenentzündung ist schmerzhaft und lästig. Wie lassen sich wiederkehrende Infekte verhindern? Urologin Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel verrät, was wirklich hilft und wie Patienten der Krankheit vorbeugen können.
Blasenentzündung: Darum tritt sie auf •

Chronische Blasenentzündung: "Entscheidend ist eine konsequente Bekämpfung"

Chronische Blasenentzündung ist schmerzhaft und lästig. Wie lassen sich wiederkehrende Infekte verhindern? Urologin Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel verrät, was wirklich hilft und wie Patienten der Krankheit vorbeugen können.

An chronischer Blasenentzündung leiden hauptsächlich Frauen. Der Leidensdruck der Betroffenen ist hoch, sie sind im täglichen Leben eingeschränkt und ihre Lebensqualität ist durch die Krankheit deutlich beeinträchtigt.

Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel, Urologin und Direktorin des Kontinenzzentrums Südwest in Villingen-Schwenningen, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit chronischen Blasenentzündungen und weiß, wie Betroffene die Krankheit am besten wieder loswerden und worauf es sonst noch zu achten gilt.

Gelbe Seiten: Ab wann spricht man von einer chronischen Blasenentzündung und nicht mehr von einer normalen Harnwegsinfektion?

Daniela Schultz-Lampel: Die Grenze ist fließend. Eine wirklich chronische, also dauerhafte Blasenentzündung, ist sehr selten. In der Regel wird aber die rezidivierende, also immer wiederkehrende Blasenentzündung, ebenfalls als chronische Blasenentzündung bezeichnet. Und von dieser sprechen Ärzte bereits, wenn ein Patient mehr als zweimal im Halbjahr oder mehr als dreimal im Jahr unter einem bakteriellen Infekt der Blase leidet.

Und wie oft kommt das vor?

Schultz-Lampel: Relativ häufig. In erster Linie sind Frauen betroffen. Zehn bis 20 Prozent der Patientinnen, die einmal an einer Blasenentzündung erkrankt sind, bekommen den Harnwegsinfekt auch wieder. Bei älteren Frauen in der Menopause und Postmenopause, wenn der Östrogenmangel eine Rolle spielt, ist das Risiko eines wiederkehrenden Infekts noch wesentlich größer. So gibt es sogar Studien, die von Rezidiven bei 50% der Betroffenen sprechen.

Sind die Ursachen, die für eine chronische Blasenentzündung infrage kommen, denn dieselben, wie bei einer einmaligen Harnwegsinfektion?

Schultz-Lampel: Es gibt einige Voraussetzungen, die komplizierte und chronische Harnwegsinfekte begünstigen, wie eine Harnröhrenverengung, eine vergrößerte Prostata, eine Verkrampfung des Schließmuskels beim Wasserlassen, eine überaktive Blase, neurologische Erkrankungen oder Diabetes. Bei den chronischen Infekten setzen sich die die Entzündung verursachenden Bakterien in der Blasenwand fest und können die Krankheit jederzeit neu auslösen, wenn ein äußeres Ereignis wie Unterkühlung oder Stress eintritt, das den Ausbruch begünstigt.

Aber es gibt doch Antibiotika, die schon bei einer nicht-chronischen Blasenentzündung verschrieben werden und die Bakterien abtöten sollten …

Schultz-Lampel: Ja schon, in vielen Fällen wird das Antibiotikum aber über einen zu kurzen Zeitraum eingenommen, um die Keime wirklich auszurotten. Eine konsequente Bekämpfung ist hier entscheidend.

Kann denn auch zu viel Sex zu einer chronischen Blasenentzündung führen?

Schultz-Lampel: Sex ist eine ganz häufige Ursache für einen rezidivierenden Infekt. Es gibt viele Frauen, die nach jedem Geschlechtsverkehr an einer Blasenentzündung leiden. Das ist auch auf die anatomischen Gegebenheiten zurückzuführen, da Anus, Scheide und Harnröhre eng beieinander liegen. Durch die mechanische Bewegung beim Geschlechtsverkehr können Kolibakterien oder Enterokokken aus dem Darmbereich in die Harnröhre wandern.

Dann schützen Kondome vermutlich auch nicht vor dieser Wanderbewegung?

Schultz-Lampel:Sie helfen, diese zu reduzieren, weil die Bakterien an den Kondomen schlechter haften bleiben. Aber noch mehr hilft es in einigen Fällen, die Sexualpraktiken zu verändern, um das Eindringen von im Anus vorkommenden Bakterien in die Scheide zu reduzieren.

Welche sinnvollen Möglichkeiten und Mittel zur Behandlung einer chronischen Blasenentzündung gibt es denn? Immer wieder Antibiotika zu nehmen, kann doch zu Resistenzen führen, oder?

Schultz-Lampel: Wichtig ist, den chronischen Infekt auszubehandeln, die Bakterien also auszurotten. Und da sind dann Langzeitantibiotika die Mittel der Wahl. Korrelieren die Beschwerden ausschließlich mit dem Geschlechtsverkehr, können Patienten nach jedem Sexualakt eine Tablette einnehmen, sozusagen als "Pille danach". Treten die Beschwerden unabhängig vom Geschlechtsverkehr auf, wird über den Zeitraum von sechs Monaten ein niedrig dosiertes Antibiotikum empfohlen, eine Tablette jeden Abend. Erst dann werden alle Bakterien in der empfindlichen Entwicklungsphase irgendwann mit diesem Antibiotika-Spiegel konfrontiert und eliminiert.

Kommt es bei einem solchen Zeitraum nicht zu Nebenwirkungen?

Schultz-Lampel: Die sind äußerst gering, wenn man die für die Langzeittherapie empfohlenen Antibiotika wie etwa Nitrofurantoin einsetzt. Diese verursachen wenige sogenannte „Kollateralschäden“. Dabei gilt es natürlich immer abzuwägen, was schlimmer ist: leichte Nebenwirkungen oder ein immer wiederkehrender, schmerzhafter Infekt mit der Konsequenz, dann auch wieder „harte“ Antibiotika nehmen zu müssen.

Sonst gibt es keine anderen therapeutischen Maßnahmen, die Heilung versprechen?

Schultz-Lampel: Nicht, wenn es darum geht, den Infekt auszurotten. Es gibt natürlich Maßnahmen, die vorbeugend oder begleitend zu einer Antibiose ergriffen werden können. Dazu zählt die Ansäuerung des Urins, denn im sauren Urin wachsen die Bakterien weniger gut als im Basischen. Das geschieht zum Beispiel durch Cranberry-Kapseln, die die Bakterien zusätzlich davon abhalten, sich an der Blasenwand festzusetzen. Auch der natürliche Wirkstoff D-Mannose, Lactobazillen, Scheidenzäpfchen oder eine lokale Östrogenisierung bei Frauen in der Menopause gehören dazu.

Wer wieder gesund ist, kann sich gegen die chronische Blasenentzündung auch impfen lassen. Eine sinnvolle Maßnahme zur Immunisierung?

Schultz-Lampel: Es gibt eine Schluckimpfung, die aber nur gegen die Kolibakterien hilft, insofern sprechen viele Patienten darauf gar nicht an. Darüber hinaus gibt es noch die Strovac-Impfung per Spritze, die breiter gefächert ist – aber auch mit dieser Variante ist längst nicht allen Patienten geholfen. Und diese Präparate können ohnehin nur dann wirksam sein, wenn der Infekt wirklich komplett aus dem Körper entwichen ist.

In wenigen Fällen leiden Betroffene auch an einer sogenannten interstitiellen Zystitis, also einer chronischen Blasenentzündung, bei der keine Bakterien nachgewiesen werden. Wie kann es dazu kommen?

Schultz-Lampel: Zunächst einmal sind die Symptome einer interstitiellen Zystitis vor allem am Anfang nur schwer von einer bakteriellen Infektion abzugrenzen. Sie entsteht meistens aufgrund einer defekten Oberfläche der Blasenschleimhaut. Durch diese Beschädigung können Reizstoffe aus dem Urin in tiefere Schichten der Blasenwand eindringen und dort Schmerz und Harndrang auslösen – also die gleichen Beschwerden wie bei der bakteriellen Blasenentzündung. Histologisch sind auch Entzündungsreaktionen in der Blasenwand nachweisbar. Daher spricht man ja auch von einer abakteriellen Zystitis. Aufgrund welcher Faktoren dieser Defekt auftritt, ist noch nicht abschließend erforscht. Es gibt zahlreiche Hypothesen, von einer Autoimmunerkrankung über Allergien bis hin zu früheren Infekten.

Und wie kann ein Patient nun sichergehen, dass er an einer interstitiellen Zystitis leidet?

Schultz-Lampel: Dies gelingt mit einer Blasenspiegelung mit zusätzlicher Blasendehnung. Dabei können die für eine interstitiellen Zystitis typischen Einblutungen, Risse oder kleine Geschwüre in der Blasenschleimhaut nachgewiesen werden. Eine zusätzliche Gewebeprobe schließt ein sogenanntes Carcinoma in situ der Harnblase aus, das die gleichen Symptome macht.

Und wie kann diese Krankheit therapiert bzw. geheilt werden?

Schultz-Lampel: Heilbar ist die interstitielle Zystitis derzeit noch nicht. Seit 2017 gibt es ein in Deutschland offiziell zugelassenes Medikament namens Elmiron, dass die Durchblutung fördert und die Blasenschleimhaut regeneriert. Zudem können Betroffene Blasenspülungen vornehmen lassen, die die defekte Schleimhaut wiederaufbauen. Eine Umstellung der Ernährung kann ebenfalls helfen. In vielen Fällen müssen aber diverse Maßnahmen ausprobiert und miteinander kombiniert werden, damit die Beschwerden wirklich nachlassen.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel

Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel ist Expertin im Bereich der Blasenentzündungen.

Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel
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